Zwischen Zement und Tagträumen – über Poesie, Liebe und Widerstand

Im Februar 2022, kurz bevor die Welt aus ihrem Corona-Schlaf aufzuwachen begann, bevor Kriege uns ohnmächtig fühlen ließen, schrieb ich diese Zeilen:
Mit einer Freiheit in der Angst
vor einer Zukunft ohne Halt,
drehst und drehst du
unsere Worte wund:
Die noch-nicht-aufzulösenden Geschichten.
Drei Jahre später, im Februar 2025, nachdem die Realität nichts ist, zu der man aufwachen möchte, kamen mir diese Worte in meinen insomniösen Kopf:
zwei liebende,
fern von regeln,
im grundflimmern
verloren,
bleiben dort
träume aus zement
Und irgendwie erzählen sie eine Geschichte. Eine, die nicht nur meine ist. Sondern eine von uns, von dem, was uns verbindet, trennt, vernarbt. Von einer Welt, die an sich selbst zerbricht und sich trotzdem nach Nähe sehnt. Vielleicht ist es auch dieser Gedanke, der mich gelähmt hat, einen Newsletter zu schreiben – weil es manchmal schwerfällt, Worte zu finden, wenn alles sich so unfassbar anfühlt.
Ich weiß nicht genau, woher diese Verse kamen. Vielleicht war es nur ein zufälliges Echo alter Fragen, ein Nachklang all dessen, was mich sowieso beschäftigt. Ich bin keine Träumerin des Schicksals, sondern Wächterin des Zufalls. Aber als ich die beiden Texte nebeneinander las, hatte ich das Gefühl, dass da eine Verbindung ist – nicht als große Offenbarung, sondern als stilles, fast beiläufiges Erkennen. Dass sich manche Dinge nicht einfach auflösen, sondern in anderer Form wieder auftauchen.
Was ist Poesie anderes als Widerstand? Nicht der offensichtliche, laute, nicht der mit erhobener Faust, sondern der, der sich zwischen den Zeilen versteckt. Der, der sich weigert, die Welt nur so zu sehen, wie sie ist. Sprache als Revolte gegen die Härte der Dinge. Liebe als Politik.
Vor ein paar Tagen half ich an meinem alten Arbeitsplatz Aktionsradius Wien aus und hörte Philosophin Marlene Streeruwitz über ihr Handbuch für die Liebe sprechen. Für sie ist Liebe das Antidot zum Krieg. »Was Liebe ist, wissen wir von Anfang an«, sagt sie – eine Grunderfahrung aus »der allerersten Zeit« unseres Lebens. Aber wie bewahrt man eine Liebe, die nicht romantisches Konstrukt, sondern politischer Aufbruch ist?
Vielleicht ist das der Grund, warum Radikale Zärtlichkeit von Şeyda Kurt immer noch auf meinem Nachtkästchen liegt. Warum mich dieses Thema seit Jahren begleitet. Warum ich vor zwei Monaten über »Männliche Traurigkeit« geschrieben habe – und darüber, dass Liebe (oder ihr Fehlen) eine Waffe sein kann, ein gesellschaftliches Maß.
Und vielleicht liegt da gerade etwas in der Luft. Ich habe diesen Monat mit so vielen inspirierenden Künstler:innen gesprochen – Color the Night, Maria Magdalena, mayer + drab, Yulan Yu, to name a few – und in jedem Gespräch schwang dieser Gedanke mit: nicht unbedingt der nach Liebe oder Poesie, aber nach Aufbruch. Ein stilles, aber spürbares Rütteln in einem Ort wie der Kunst, die dieses Brechen immer als Vorbote losschickte. Weil Kunst oft dort beginnt, wo Worte fehlen, und weil sie vielleicht genau deshalb als erste erkennt, wenn etwas Neues entsteht – oder wenn etwas Altes nicht mehr zu halten ist.
Paul Celan schrieb 1948 in seinem Gedicht »Corona«:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Vielleicht ist es genau das: die Zeit, sich zu erinnern, dass Widerstand nicht immer laut sein muss. Dass er in der Sprache liegt, im Fühlen, im Lieben. Dass sich »Träume auf Zement« (© PIPPA GALLI, mehr zu ihrem neuen Album weiter unten) nicht in Luft auflösen, aber vielleicht Risse bekommen. Und dass es manchmal reicht, inmitten all der Härte weich zu bleiben.
Liebe ohne Skript
Und apropos Liebe und Widerstand: In der neuesten Folge von meinem Podcast Zwischenräume spreche ich mit meiner Freundin Hannah über das Ace-Spektrum, Demisexualität und darüber, warum romantische und sexuelle Anziehung immer noch als universelle Erfahrung betrachtet werden. Es geht um all die unausgesprochenen Erwartungen, die mit Beziehungen verknüpft sind, und darum, was passiert, wenn man sich von diesen klassischen Liebesidealen abwendet – nicht aus Trotz, sondern weil sie schlicht nicht für alle funktionieren.
Die Ironie daran? Während wir über ein Thema sprechen, das oft als »unsichtbar« gilt, sprengt die Folge gerade meine Podcast-Statistiken. Anscheinend gibt es doch ein paar Menschen, die keine Lust mehr auf die immer gleiche Erzählung von Liebe und Begehren haben. 💜
Filme, die mich diesen Monat fasziniert, verwirrt oder komplett ausgelaugt haben
Babygirl (Halina Reijn)
Ja, I know – AGAIN. Beim letzten Mal habe ich den Film noch nicht gesehen, jetzt kann ich aber sagen: Erstens, Nicole Kidman überrascht total in ihrer Rolle, und zweitens, die Darstellung von BDSM hier ist so respektvoll und nuanciert, dass ich dem Film und Halina Reijn nochmal eine Ehrung aussprechen möchte. Und außerdem: Fuck you, male gaze.
Mickey 17 (Bong Joon-ho)
Ganz fresh, erst gestern gesehen, und ganz ehrlich: keine Ahnung, was beim Drehbuchschreiben passiert ist. Es fühlt sich an wie ein Fiebertraum einer Person, die als Kind zu viel Ice Age geschaut hat und ihre Angst vor Kakerlaken überwinden möchte. Der Anfang ist vielversprechend, aber irgendwann verliert sich der Film komplett – das kann nicht mal Robert Pattinson retten, sorry.
Dear Beautiful Beloved (Juri Rechinsky)
Ein Film, der Gefahr läuft, übersehen zu werden, weil er eine absolute Nische bedient. Und nichts für schlechte Tage, denn er ist harte Kost. Rechinsky zeigt die Simplizität des Grauens und die kleinen Gesten, in denen sich trotzdem Liebe versteckt. Manchmal ist es schwer hinzusehen, doch genau das ist nötig. (Den Rest gibt’s von mir bei ray.)
Flow (Gints Zilbalodis)
Habe ich selbst nicht gesehen, aber bekomme jetzt schon Nachrichten von Leuten, die nach dem Film am liebsten meine Katzen streicheln würden – das muss ja was heißen. Alexandra Seitz hat für ray darüber geschrieben und kann es sicher besser erklären. Jedenfalls auf meiner Bucketlist.
Otto Lechner – Der Musikant (Bernhard Pötscher)
Ich hatte tatsächlich mal das Vergnügen, 2021 mit Akkordeonlegende Otto Lechner halb-illegal im Lockdown meinen damaligen Arbeitsplatz einzuräuchern und über Kafka zu sprechen. Umso mehr wollte ich unbedingt den neuen Film über ihn sehen. Wer Musik mag und eine schöne Dokumentation über eine österreichische Legende sucht – there you go. (Rezension gibts bald bei ray)
Und bevor ich’s vergesse: Nach wochenlanger geistiger und emotionaler Ausdauerleistung haben wir jetzt sechs Staffeln Lost durchgezogen – ein beachtlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass andere in der Zeit vielleicht eine Sprache gelernt oder ein Buch geschrieben hätten. Ich weiß nicht, ob ich erleuchtet oder einfach nur ausgelaugt bin, aber eins steht fest: Nächstes Mal gibt’s dann auch wieder mehr cineastische Highlights – die 2000er haben meine gesamte Energie gefressen.

Aus dem Youtube-Rabbithole (für alle, die es bis hier her geschafft haben):
Dressing "Your Age" But You're Autistic & Traumatized: https://www.youtube.com/watch?v=4VDloKeGF0k&list=LL&index=3&t=1337s
Why we hate polyamorous people: https://youtu.be/SHQ00DfpZF8?si=dOPEhaLiVdBHauiu
Peet Thesing - Die Konstruktion der "verrückten Frau“: https://youtu.be/UyhkYMW067k?si=TKmUfQQIBBP6LDKU
The dark side of Yoga: https://youtu.be/uNdC5tanR9Y?si=9xer6JV58VfioNuE
Was hat Neil Gaiman getan?: https://youtu.be/XJfvZ8ZUedo?si=SC--qD0msFhDkJ8m
The Cruel Story of Gisèle Pélicot: https://youtu.be/Rr0xYReJIfM?si=dPtzDWPwVGtkOY12
Träume auf Zement
Und damit schließt sich der Kreis: Ich hatte das Glück, mit Pippa Galli ein wunderschönes Gespräch zu führen – eines dieser seltenen, in denen man merkt, dass jemand Musik nicht nur macht, sondern lebt. Ihr neues Album »Träume aus Zement« balanciert zwischen Tagträumen und harter Realität, genau dieser Spannung, die mich auch weiter oben beschäftigt hat:
Poesie kann eine Gegenkraft sein – gegen die Schnelligkeit, die Künstlichkeit und die Eckigkeit der Politik.
Pippa Galli: Ich glaube, Poesie ist eine total revolutionäre Kraft. In Wahrheit ist sie eine der wenigen echten Antworten auf das, was gerade auf der Welt passiert. Natürlich gibt es auch politischen Widerstand, aber Poesie ist für mich auch Widerstand.
Warum eigentlich?
Pippa Galli: Weil sie Impulse setzt. Poesie ist eine verdichtete, kondensierte Form von Gedanken. In diesem Zustand, in dem kein Wort zu viel ist, entsteht so etwas wie ein konzentrierter Geist. Und genau das ist es doch, was die Welt verändern kann: neue Gedanken, Erkenntnisse, ein Aufwachen.
Oft finden Menschen erst durch Krisen oder Schicksalsschläge einen Zugang zu Poesie. Vielleicht, weil man dann ganz nah an einer Grenze ist, an diesem transzendenten Moment, in dem Realität aufhört und Traum beginnt – manchmal auch als Albtraum?
Pippa Galli: Ja, das hat etwas sehr Existenzialistisches. Wenn man mit etwas zutiefst Persönlichem und Verletzlichem konfrontiert ist, dann öffnet sich dieser Raum, in dem Poesie plötzlich Sinn ergibt.
Gleichzeitig soll das nicht heißen, dass Poesie immer etwas Schwieriges oder Schmerzhaftes sein muss.
Pippa Galli: Nein, nein. Poesie kann auch leicht und fröhlich sein. Aber ich verstehe, was du meinst – es gibt eine Schwelle, ab der sie anders empfunden wird. Deswegen legt Ö3 meine Musik wahrscheinlich erst um ein Uhr nachts ins Programm.
(Das ganze Interview, ist bei mica erschienen!)