Noch online?
Die zweite Dezemberwoche ist angebrochen und auch wenn ich nicht ganz on schedule bin, habe ich mein Vorhaben hier nicht vergessen: euch meinen zusätzlichen Senf zum vorweihnachtlichen Geschehen dazuzugeben und aufzuschreiben, was bei mir diese Woche so denkwürdig, hörenswert oder sonstwie -wert war.
Danke erstmal vielmals für das Feedback, das ich von einigen von euch bekommen habe. Ich werde es mir direkt zu Herzen nehmen und meinen inspirierten Schädl gleich hier zu Papier gießen. Auch wenn das makabrer klingt, als es sollte. Wünsche waren unter anderem: Musik, Film, generelles Life-Commentary zu dem, was grad abgeht, sogar Gedichte von mir (Reminder an mich, dass ich das wirklich mal wieder machen sollte…) UND ein Essay über Bernd das Brot. Und ich dachte mir eigentlich: Why not?
Interessanterweise möchte ich das von Millennials heiß geliebte Weißbrot (?) der Spätabend-Kindersendezeit tatsächlich zum Anlass nehmen, ein paar Gedanken dazu teilen, die ich zuletzt hatte. Denn irgendwo steht dieses sprechende Getreideprodukt für eine Zeit, in der medialer Konsum auf jeden Fall noch langsamer und mit etwas mehr Regularium abgelaufen ist. Ja, Kinder der 2000er sind wirklich noch mit sowas eingeschlafen oder zumindest in einen geistigen Dämmerzustand gebracht worden. Heute vermutlich unmöglich? Wenn da nicht ein Zeichentrick-Schweinchen auf Pillen alle fünf Sekunden irgendwas (selbst für Kinder – seien wir ehrlich) komplett sinnloses von sich gibt, ist jedes Kinderauge sofort weg vom Bildschirm. Klar, wir hatten auch die Teletubbies, und das war vermutlich auch nicht wahnsinnig intellektuell, aber habt ihr da nochmal reingeschaut mit dem heutigen Blick? Das wäre vermutlich aufgrund seiner Langsamkeit ein Instant-Wegwisch.
Wenn man heute auch nur zwei Minuten auf YouTube-Kids verbringt, kriege zumindest ich schon einen halben epileptischen Anfall – so viel buntes, gackerndes, gehirnschmelzendes „Content“-Geblitze prasselt da auf einen ein. Ich finde es fast unheimlich! Aber wundert es uns? Nach allem, was in den letzten fünfzehn Jahren passiert ist? Wie die meisten von euch wissen, habe ich noch keine Kinder, aber sie sind für meine Lebensplanung nicht ausgeschlossen. Und zumindest in letzter Zeit finde ich es ehrlich gruselig, was Kindern und Jugendlichen so barrierefrei vor die Füße geschmissen wird. Und das Thema ist ja auch brandaktuell, wie wir wissen.

All die Gedanken speie ich aber nicht nur aus, weil es gerade wieder ein viel diskutiertes Thema ist, sondern weil ich gerade „The Anxious Generation“ (Auf Deutsch: Generation Angst) von Jonathan Haidt (von einer lieben Freundin empfohlen und) gelesen habe, das im Detail nicht nur Problemgeschichte, sondern auch Lösungsstrategien einer Generation (eines Phänomens!) beschreibt, das ich besonders stark bei Menschen wahrnehme, die so alt wie oder ein paar Jahre jünger sind als ich. Zur Einordnung: Ich fühle mich meistens eher wie so ein Zwickelwesen (Stichwort „Zillenial“), weil ich 1996 geboren bin. Haidt spricht allerdings von allen Personen ab 1995 und das macht (wie ihr gleich lesen werdet) einen großen Unterschied. Konkret geht es in seinem Buch also um Generation Z (und implizit auch alle danach), also jene Jahrgänge, die langsam aber sicher in ein völlig anderes Welt-Tempo hineingewachsen sind und als erste Smartphones genau in den kritischen Jahren der Pubertät in die Hand gedrückt bekamen. (Ich war 14, als ich mein erstes Smartphone hatte.)
Seeeeeeehr viel von dem, was in diesem Buch aufgezeigt wird, hat mit mir resoniert und mich tatsächlich viel mehr Gen Z fühlen lassen als Millennial. Denn es gibt ganz klare, statistisch nachweisbare Gründe, warum meine Generation – und alle Nachkommenden – ein so viel höheres Risiko für Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, ADHS uvm. haben als jede Generation davor. Und Haidt macht ganz explizit klar, wie das mit der Einlagerung des Smartphones in unseren literally täglichen Alltag und in jede Hosen- oder Jackentasche zu tun hat. Also nein, Boomer: Wir sind nicht alle plötzlich „mehr krank“, nur weil es „cool“ ist, ADHS zu haben. (Obwohl es tatsächlich auch ein Kapitel über sogenannte „social-generated diseases“ gibt, wo es quasi um Krankheits-Abschauen für Klicks geht.)
Dieses Buch war in so vielen Arten und Weisen aufschlussreich, und ich empfehle es wirklich ALLEN. Egal ob frische Millenial-Eltern oder kinderlos bleiben-wollenden aus meiner Generation. Es zeigt Dinge auf, die uns eigentlich so klar sein sollten wie die Löcher im Emmentaler. Aber sie dann wissenschaftlich nachgewiesen zu lesen, hat mich gerade kurz dazu bewogen, mir wieder einen MP3-Player und ein Dumbphone zu kaufen und mich in eine Hütte im Wald zurückzuziehen. Also … jetzt mal nicht übertreiben. Schon klar, dass das unrealistisch ist. Aber Haidt zeigt auch sehr realistische Strategien, wie man den Schaden, den uns unsere leuchtenden vermeintlichen Helferlein zufügen, wieder in Zaum halten oder sogar rückgängig machen kann. Denn ja: Das Gehirn kann sich auch wieder an andere Dinge gewöhnen. Eine Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern kostet Zeit, ist aber möglich.
Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch jetzt gelesen habe, bevor ich Kinder bekomme – denn es hat mir ein bisschen die Lähmung darüber genommen. Es gibt in dieser ferngesteuerten Sims-Welt doch noch eine Hoffnung, wie sich halbwegs klar denkenende Menschen entwickeln können. Ich finde übrigens, ein Ban wie in Australien ist ein wichtiger erster Schritt und sollte unbedingt – vor allem nach dem Lesen dieses Buches und der Frage, was „Social“ Media mit Gehirnen anrichtet – auch in der EU umgesetzt werden. Und ja, es geht nicht nur um die Kinder. Es geht genauso auch um die Eltern und alle Erwachsenen, die Vorbildwirkung haben. Denn wenn Mami und Papi immer nur ins leuchtende Kastl schauen, würde ich mir als Dreijährige vielleicht auch denken, dass das das Portal nach Narnia ist. Also: LEST ES, LEUTE. I BEG YOU. Und danke, Bernd, das Brot! Wir denken noch viel an dich.
Musik, Film, der ganze Rest
Und weil es ja noch andere Wünsche gab – hier in aller Kürze, mit Würze, meine Empfehlungen des Hauses.
Neu gehört:
— Jeanne D’Arte hat ihre zweite Single fürs kommende Album (das im Februar erscheint), „Trauerweide“, herausgebracht. Love the video und sowieso everything.
— Clemens von Freude durfte ich kürzlich interviewen, und mich hat besonders sein Parodie-Tribut über heutige Männlichkeitsideale sehr angesprochen.
— Ria Kisser durfte ich erst gestern (!) interviewen – sie bringt am Freitag ihre erste EP „Free the Motion“ heraus → morgen Release-Konzert im Lucia, falls ihr Bock habt. Hier zum Interview.
— Und zuletzt aus Österreich: The Ghost and the Machine – düsterer Prog-Pop-Rock-Wave… man weiß es nicht genau. Aber Genre ist auch egal. Was ich weiß: Ich feiere es sehr, und Andi Lechner ist sowieso ein cooler Typ!
Was Film betrifft… Habe ich gerade tatsächlich nicht so viel anzubieten, weil ich mit dem Intervall-Bingen von Serien wie The Morning Show, The Diplomat oder kürzlich Pluribus – alle empfehlenswert – (ja, Stranger Things auch, aber bisher enttäuschend, sorry guys) relativ wenig Zeit für Filme hatte.
ABER: einen Film gibt es, der sogar den tiefsten Grinch zum Weihnachtsengel verwandelt: Klaus. Vor allem, weil es genau darum geht: den Ungläubigen Weihnachtszauber einzuhauchen (auch ganz unreligiös), mit viel Witz, top Animationen und großartigen Synchronsprecher:innen.
Zu allerletzt
… und weil ich mein eigenes Versprechen nicht direkt nach der zweiten Mail brechen will, hier meine dieswöchige Empfehlung für einen Newsletter: Wie schon im vorigen Mail erwähnt, eine der einzigen Sex-Influencerinnen, die mich abwechselnd zum Lachen und Nachdenken bringen kann: Alice Lovegood. Ihr Account mit 400k+ Follower:innen wurde kürzlich von Instagram gelöscht – wie es vielen Creator:innen ergeht, die irgendetwas mit Sex, Körperlichkeit oder sonstigen von Tech-Bros als „Tabu“ gelabelten Themen machen. So schlimm diese Zensur ist, so wichtig finde ich es, genau solche Stimmen zu unterstützen. Alice hat einen Blog und einen Newsletter und spricht offen, aber zugleich präzise und reflektiert über Themen wie BDSM, Polyamorie, Sexualität etc. Sie hat bei mir schon den einen oder anderen Aha-Moment ausgelöst. Ich kann sie wirklich allen, die da genauso nerdy sind wie ich, nur wärmstens empfehlen.

Ania over and out.