Viel Liebe für Frauen & ein kurzer Reality Check

Stellt euch vor, ihr seid frisch angestellt in einer Firma, die junge neue Kollegin, mehrere Ausbildungen, einige Jahre Berufserfahrung – nur halt noch nicht so lange im »Geschäft« wie einige eurer älteren männlichen Kollegen. Mal abgesehen davon, dass ihr was ganz anderes macht in der Firma, sagen wir Marketing, und ein spezieller älterer, sagen wir Mitte-fünfzigjähriger Kollege ist Produzent und gemeinsam arbeitet ihr an »irgendwas mit Kunst«, oder so. Und nehmen wir jetzt an: Ihr müsst irgendeins seiner großartigen Kunstprodukte vermarkten, schreibt ein Exposé, redet mit ihm, macht Recherche, legt es ihm sogar zur Freigabe vor und wartet auf Feedback. Doch das Feedback kommt nicht. Du wartest einen Tag, fragst nach, er schreibt vage, er müsste noch ein paar Änderungen machen. Du wartest ein paar weitere Tage, erinnerst an die Abgabe und den Zeitdruck, wirst abgewimmelt – er habe ja auch andere Produktionen und keine Zeit, diese Woche noch drüberzuschauen. Du bittest deinen Chef um eine Verlängerung. Dann kommt einfach nichts mehr. Bis dich am Montag der Anruf deines Chefs ereilt, der dir freundlich, aber bestimmt mitteilt: ebenjener Kollege sei nicht zufrieden mit deiner Arbeit und hätte doch bitte gerne jemand anderen für das Marketing seiner Produktion. Du sackst ein, bist kurz stutzig, schluckst es aber runter, weil – was sollst du jetzt sagen? »Das finde ich unfair?« Es ist natürlich kein besonders angenehmes Gefühl, wenn ein älterer Kollege hinter deinem Rücken und ohne jegliche Absprache deine noch nicht fertige Arbeit dem Chef zeigt – mit der Bitte, jemand Anderen dran zu lassen? Womöglich jemand »Besseren«? Aber gut, am Ende des Tages bist du angestellt, deine Arbeit wird bezahlt und dein Chef scheint bemüht, die Wogen zu glätten. Trotzdem bleibt dieses Gefühl, als wärst du beim Direktor verpetzt worden. Der Mitte-fünfzigjährige Mann verpetzt die 30-jährige Marketingkollegin. Danach keine Interaktion mehr.
[ein bisschen tolle Flinta*-Musik aus Österreich für dazwischen, für die Stimmung]
Und jetzt stellt euch mal vor: Der alte weiße Mitte-fünfzigjährige Produzent ist eigentlich ein vielfach ausgezeichneter Komponist sogenannter Kunstmusik und du bist eine freie Journalistin, die versucht, sich mit Interviews ihre Sporen zu verdienen. Wie würdest du dich dann fühlen? Auf dem Interview bleibst du so oder so sitzen. Klar könntest du es veröffentlichen – aus Rache vielleicht? Oder zu einem Porträt verwursten und so richtig zurückschießen, vielleicht sogar woanders unterbringen? Aber nein, natürlich tust du das nicht, weil du dir die – an sich gute – Beziehung zum Medium nicht verbauen willst. Ein mildes Pflaster: Deine Chefin steht hinter dir, sagt, das passiere jedem:r Journalisten:in irgendwann mal, es passe halt nicht, warum, kann sie auch nicht ganz nachvollziehen. Aber trotzdem: Ersatzhonorar, reduziert, versteht sich, der Auftrag wurde ja nicht fertig ausgeführt. Und du bleibst trotzdem auf den Stunden sitzen, die du gebraucht hast, um den Kauderwelsch eines Mannes zu verarbeiten, dem es offenbar sehr wichtig ist, wie er nach außen wirkt. Und viele denken immer, Künstler wären da entspannter? Mit dem Ruhm wachse die Egalität gegenüber Medien? In meiner Erfahrung ist es eher so: Viele Frauen werden mit der Zeit und mit dem, was sie aushalten müssen, taffer. Lernen, dem Bullshitstrom standzuhalten, ihn vielleicht sogar zu durchschauen. Und Männer? Zumindest manche – vor allem jene, die es gewohnt sind, dass ihre Stimme Gewicht hat – wirken mit den Jahren eher fragiler, als würde schon die Perspektive von jemandem ohne denselben Status an der Substanz kratzen. Spannend ist ja weniger, was bewertet wird – sondern wessen Bewertung überhaupt Gewicht bekommt. Ragebait Ende.
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Neues vom Gaußplatz 11
Hihi, wir sind wieder da! Oder waren nie weg? Einige von euch wissen das, die meisten wahrscheinlich nicht. Neben meiner freiberuflichen Arbeit bin ich seit 2020 auch Teil eines Kulturlokals im 20. Bezirk, genauer gesagt am Gaußplatz 11. Ehemals Aktionsradius Wien (deren Legacy wir auch mit einem 35-Jahre-Kulturarbeit-Monument im vergangenen Jahr abgeschlossen haben), haben wir mit neuer Chefin und unter neuem Namen (»RundPunkt 11«) unsere Arbeit wieder aufgenommen und präsentieren jetzt ein buntes Programm an Diskussionsrunden, Workshops, Ausflügen, Spaziergängen und sonstigen interdisziplinären Veranstaltungsangeboten. Im Mai kuratiere ich dabei einen Schwerpunkt »Zwischen Mensch und KI« mit zwei Abenden, wo wir uns in-depth und aus verschiedenen Perspektiven dem verschrieenen Thema widmen wollen. Hier geht es zum Programm. Und falls jemand Interesse an einer Kooperation oder Veranstaltungsideen hat: gerne bei mir melden!

Neue alte neue Musik
Der Vorteil, wenn man es mit seinem ADHS-erschöpften Gehirn nicht schafft, regelmäßig Newsletter-Content zu bringen, ist die Tatsache, dass ich jetzt auf fast vier Monate neue alte Musik zurückgreifen kann. Und nachdem das (irgendwann mal, Weihnachten? Der wievielte ist eigentlich? lol) einer der meistgewünschten Outputs war und ich dieses Jahr doch mit einigen Künstler:innen geplaudert habe – während mein anderes Lieblingsmedium Film leider ein bisschen vernachlässigt wurde – hier some Highlights.
Anja Om
Nicht nur Fast-Namensvetterin, sondern auch eine tolle Musikerin, wunderbare Gesprächspartnerin und hat letzten Monat ein Album (»Tiny Little Boat«) herausgebracht, das sich genau mit den Schmerzen auseinandersetzt, die in der Gesellschaft oft untergehen: »Man kann das Album natürlich als eine Art Heartbreak-Album lesen (…) Dafür gibt es gesellschaftlich einen Raum. Aber für andere Arten von Verlust oder Trennung gibt es oft weniger Worte«, so die Künstlerin im Interview.
Sanna Frankie
Orange Haare, tiefe Gefühle und eine Stimme, die genau die richtigen Membranen aneinander reibt. Am Ende bleiben Gänsehaut und ein bisschen Melancholie. Im Interview beschreibt Frankie ihr Album »Cerberus« als ein Album für den Morgen – für diese leisen Zwischenstunden, bevor die Welt aufwacht und man in der Stille das eigene Echo hört.
Alexa Lopez
Mit der Selbstbezeichnung als »girl with the purple voice« hat Alexa Lopez natürlich direkt mein Herz erobert. Aber vielmehr war es dann das Kennenlernen der durch und durch lebensfrohen und originellen jungen Künstlerin, das dafür gesorgt hat, dass sie bei mir ein Echo hinterlassen hat. Oben habe ich ja schon ihr neuestes Video verlinkt – aber um hier noch ein bisschen mehr spicy zu werden: eine Ode an das Erotische.
Jeanne D’Arte
Ja, ja. Eine vielgesehene Gästin in diesem Newsletter, aber niemals weniger interessant – und jetzt mit ihrem ersten Label-Album »Am Ufer der Welt« auch endlich mal zum Interview getroffen: die liebe, tolle, begabte, kreative, ethereal Jeanne D’Arte. Es vergeht kein Jahr, in dem mich diese Frau nicht inspiriert!
Topsy Turvy
Mit ihren intergalaktischen Outfits hatten mich die drei Köpfe hinter Topsy Turvy ja schon so gut wie abgeholt. Mit dem Albumtitel »Fighting the Ginormous Macho Nacho« haben sie bei mir dann aber endgültig offene Türen eingerannt. Im Gespräch haben sie mir erzählt, wie sie dieses titelgebende Vorhaben eigentlich umsetzen wollen und wie sie sich dabei irgendwo zwischen den Welten wiedergefunden haben.
Ein letzter Gedanke
Und vielleicht ist das am Ende auch das, was bleibt: viel kluge, eigenwillige, mutige Arbeit von FLINTA*-Künstler:innen, die sich nicht klein machen lassen – egal, wer gerade meint, sie bewerten zu müssen. Zwischen all den Gesprächen, Songs und kleinen Zwischenräumen zieht sich für mich eine Linie durch: sich den eigenen Blick nicht nehmen lassen, sich nicht leiser drehen, nur weil andere lauter sind. Also: hört hin, schaut genauer hin, unterstützt die, die euch wirklich was geben und vertraut vielleicht ein bisschen mehr auf die Stimmen, die nicht immer als die lautesten gelten, aber oft die interessantesten sind.
