Früh, Früher, Frühling!

Los, Los, Los, schreit ein kleiner Affe auf meiner Schulter, während ich wieder einmal mit leichtem Herzrasen aus dem Haus stolpere. Meine Gedanken sind zerstreut: Nicht, dass ich zu spät ins Büro komme, und eigentlich wären da noch die zwei Abgaben bis 14:00. Vielleicht geht sich das zwischen Job eins und Job zwei aus, am Weg, in der U-Bahn, am Handy. Dann wär da noch das das eine Meeting für das coole ehrenamtliche Projekt, am Abend das Weiterbildungsseminar – da kann ich dann endlich allen offenen Whatsapp-Nachrichten antworten – und irgendwas war da noch mit der Krankenversicherung, oder? Aber Moment, moment: War das Motto dieses Jahr nicht "Weniger ist Mehr", Ania? Hast du das nicht allen erzählt? Eine Freundin hinterlässt mir eine Sprachnachricht: Es tut ihr leid, dass sie das Treffen gestern spontan absagen musste, sie packt zur Zeit drei Tage in einen und meint, ich kenne das ja. Mit den Ninetofive-Freund:innen kann man sowieso nichts ausmachen, weil sie aufs Afterworkbier gehen, wenn ich anfange zu arbeiten. Und mein Partner entschuldigt sich, dass er heute beim Frühstück so abwesend war. Ich tippe: Aber ist doch voll ok. Du hast halt viel Stress grad! Er antwortet: So viel Stress kann es gar nicht geben. Ich denke an einen Vers, den ich einmal vor Ewigkeiten geschrieben hab:
Was nützt uns
unsere ewig endliche
Verlässlichkeit,
wenn sie nur unsere Zeit
zur Flüchtigkeit verdammt?
Ich atme aus. Denke mir: Hör auf die Vergangenheitsania! Ich bin sicher keine faster, bigger, stronger Person. Was mich treibt, ist eine Gedankenschleife aus diffusen Existenzängsten. Das soll kein Plädoyer für oder gegen die sogenannte Hustle-Culture sein. Ich hab auch keine Lösung, gute Atemübungen oder sonst was parat. Aber vielleicht ein: I feel you. Whoever you may are.
Schreiben zur Entschleunigung
Ich kann mich mal wieder so unendlich dankbar schätzen, was für ein tolles Podcastgegenüber ich bei Zwischenräume #6 zu Gast haben durfte. Kürzlich habe ich nämlich einen sehr tollen Schreibworkshop beim Writers' Studio gemacht, und spontan Verena Schmid eingeladen, die ebenda ihre Schreibtrainerausbildung gemacht hat. Mit ihr und einigen Kolleg:innen von Unter Palmen durfte ich im letzten dreiviertel Jahr auch die wundervolle Workshopreihe Untergründlich Divers zum Journalistischen Schreiben mitkonzipieren. Die vorerst letzte Einheit ist am 20. März 2024. Im Podcast rede ich mit Veri unter Anderem über lustvolles Schreiben, unsere sich immer mehr verkürzende Sprachkultur und warum eine "Voice" viel wichtiger ist, als der Stil.

Films That Made Me Cry In The Last Month
Uiuiui. Letzter Monat war emotional. Zwischen hustle hier und Interview da, hab ich meine Spannungen mit Heulanfällen im Kino ganz gut abbauen können. Here are some of my Faves:
All Of Us Strangers (Regie: Andrew Heigh)
Man muss nicht erst auf Reddit schauen, um zu kapieren, dass dieser Film ein hitziger Diskussionsanreger ist. Egal ob man im Kino Rotz und Wasser heulen musste, oder trocken geblieben ist – Jede:r hat irgendwas dazu zu sagen. Probably mein Lieblingsfilm 2024 (bis jetzt).
Olfas Töchter (Engl. Four Daughters; Regie: Kaouther Ben Hania)
That came unexpected, ist was wir alle gedacht haben, als wir das DeFrance verlieẞen. In noch keinem Film sind Metaebenen so gekonnt ineinandergeflossen: Eine Mutter "verliert" ihre ältesten zwei Töchter an den Islamischen Staat. Im Film werden sie von zwei Schauspielerinnen ersetzt. Daraus entfaltet sich eine berührende Familiengeschichte, in der es um Glaube, Schwesternschaft und intergenerationale Traumata geht.
Des Teufels Bad (Regie: Veronika Franz & Severin Fiala)
Mein Kollege gibt mir den Tipp, ich solle zur Pressevorführung um 9:00 mit leerem Magen hingehen. Er hat recht. Einen Tag später quatsche ich mit Anja Plaschg (aka Soap&Skin), die die Hauptrolle spielt, in ihrer Küche über das im Film geschilderte, vergessene und sehr düstere Kapitel österreichischer Geschichte: Hier geht es zum Interview.
The Zone of Interest (Regie: Jonathan Glazer)
Ich muss es ehrlich zugeben: Ich wollte den Film nur wegen Sandra Hüller sehen. Und natürlich war sie groẞartig (Obwohl ihr Potential noch besser in Anatomy of a Fall rauskommt!). Die Geschichte rund um NS-Kommandant Rudolf Höẞ, der mit seiner Familie ein scheinbar unbekümmertes Leben direkt neben dem Konzentrationslager Ausschwitz führte, ist beklemmend: Die Banalität des Bösen.
Zum Abschluss: Musik!
Oh ja, Weltfrauentag war ja auch. Umso passender, dass ich letzte Woche mit den beiden Köpfen hinter Aze-The-Band-The-Duo vermutlich das lustigste Gespräch diesen Monat führen durfte und sie mir mit ihrer attitude wieder ein bisschen trust in die world gegeben haben (oder so):
Witzigerweise kommt der feministische reflection moment bei den richtigen Leuten dann ganz von alleine.
Ezgi Atas: Ja genau, weil dann denken sie: Oh Moment, du redest so nicht mit deiner Band, warum redest du mit mir so? Woraufhin ich erwidern kann: „Because you wanted to! Wer bin ich, dass ich dir jetzt beibringe, wie man mit Frauen redet, Thomas? Lerne das doch von deiner Mutter oder von deiner Frau, I don’t give a fuck. Just make the stage work for me. I’m just gonna sing my song and then leave. Wenn es dir so viel Spaß macht, mich als dumm zu profilieren, I take it, denn es kostet mich weniger Energie." Ich habe meine ganze Kindheit damit verbracht, irgendwelchen oberösterreichischen Lehrerinnen entgegenzuwirken, die immer meinten: „Wo sind denn meine starken Männer, die kurz zehn Sesseln irgendwohin tragen?“. Denn der erste starke Mann, der aufgestanden ist, um Sessel zu schleppen und damit zu zeigen, dass Frauen auch Sessel schleppen können, war ich! Und was hat mir das gebracht? Arthritis!
Beyza Demirkalp: Und zehn Jahre später fragen diese Lehrerinnen vermutlich immer noch dasselbe.
Ezgi Atas: Genau – I’m not gonna change her. Ich kann nur meine eigene reality verändern. Und wenn es dir leichter geht, mit mir umzugehen, wenn ich dumm bin, dann gönn dir! Alle, die mich kennen, wissen eh, dass ich nicht so stupid bin, wie du glaubst.
Das ganze Interview erscheint in Kürze auf mica.
Und weil Kim Gordon es immer noch drauf hat, mein Song of the week:
Apropos Musik: Unser Salon skug läutet am 21. März im rhiz den Frühling ein. Zusammen mit Nini und Dagmar und einem Talk über feministische Netzwerke in der Musik, den ich mit meinem lieben Kollegen und Fellow-Journalisten Michael Zangerl moderieren darf!

(Jep, I'm on the Zendaya-Hype-Train ;))
Cheers!