Euer Sexy Psycho backt euch ein paar Weihnachtskekserl!

Angst, Trauer, Wut! Was für ein ereignisreicher Monat. Um ihn ein bisschen auszulüften, habe ich die letzte Woche auf Teneriffa verbracht und schwupps ist schon wieder fast Weihnachten: Doch beim Versuch ein Thema für den jetzigen Newsletter zu finden, hat das Gedankenkreiseln begonnen … Wo stehen wir eigentlich grad miteinander? Als ich gestern im Flugzeug, einen meiner »Gleich-werden-wir-sterben-das-Leben-zieht-an-mir-vorbei«-Heulkrämpfe hatte und blaue Flecken in den Oberschenkel meines Partners klammerte, weil es »leichte« Turbulenzen gab, hatte ich die besten Gedanken – It’s pure existentialism, Baby! Also entschuldigt das mögliche Wirrwarr im Folgenden, aber Todesangst ist eben kein lineares Gefühl: Am vergangenen Wochenende durfte ich bei achtundzwanzig Grad Außentemperatur auf der Terrasse unseres Airbnbs mein erstes Online-Seminar im Urlaub machen (Ich mache ja die Psychotherapie-Ausbildung, und so). Was für andere vielleicht furchtbar klingt, war für mich eine angenehme Abwechslung! Der sehr feinsinnige Seminarleiter hat uns dabei die Möglichkeit gegeben mit einer (ehemaligen) Borderline-Patientin zu sprechen und ihr Fragen zu ihrer Geschichte zu stellen. Ehemalig deswegen, weil sie schon seit mehreren Jahren »unter der Nachweisgrenze« ist (ihre Formulierung, and I loved it). Meaning that: Borderline ist keine Diagnose for life. Und ich dachte mir, das will ich heute hier kurz zum Thema machen. Ihre Geschichte hat nämlich deswegen so stark in mir räsoniert, weil sie genauso gut auch meine hätte sein können. Ja, ich habe Borderline und nein, ich habe es nicht mehr. Verwirrend, nicht?

Ich war ingesamt fast acht Jahre und bei vier verschiedenen Personen in Therapie und kann stolz sagen: Ich habe wirklich in die kleinsten Ritzen und dunkelsten Ecken meiner Psyche geschaut. Gleichzeitig weiß ich, dass sich in meinem Leben noch viele dieser Räume öffnen werden, von denen ich jetzt noch keine Ahnung haben kann. Aber das, was mir die Therapie gebracht hat und weshalb ich auch nicht mehr sagen würde, dass Borderline bei mir »sichtbar« ist, ist die Fähigkeit meiner emotionalen und gedanklichen Situationsabschätzung und die Möglichkeit, Gefühle und Gedanken bis ins kleinste Detail anzusprechen und auszuformulieren. Als ich neulich einem Freund sagte, dass ich Borderline hätte, meinte er überrascht, warum ich ihm das nicht früher gesagt hätte. Auch wenn irgendwas in mir auf solche Aussagen repulsive reagiert (ich bin ja nicht meine Erkrankung blabla), so sehr verstehe ich die Aussage auch: Wenn man Borderline googelt (und trust me, I’ve been there many times) kommen hauptsächlich ganz furchtbare Dinge. Wir seien manipulativ, unberechenbar, »gefährlich«. Die andere Seite der Klischee-Medaille: Kein Sex ist besser als mit einer Borderlinerin (Ja, weiblich – Denn Borderline ist auch eine höchstgradig sexistisch verwendete Zuschreibung). Denn: Wir kennen ja keine Grenzen, geil oder? (Dazu aber mehr in Jessica Taylors großartig betiteltem Buch »Sexy but Psycho«). Nur weshalb erzähle ich das alles? Und warum sage ich Leuten dann überhaupt noch, dass ich jemals irgendwas mit Borderline zu tun hatte, wo ich es ja anscheinend nicht mehr »habe«? Good Question! Es hat etwas damit zu tun, dass ich dank meines Borderlines auch sehr viele wunderbare Dinge erleben durfte und immer noch erleben darf: Dass ich »unter der Nachweisgrenze«, oder »in remission« bin, bedeutet nur, dass ich laut ICD-10 nicht mehr genug nachweisbare Symptome habe aka keinen Leidensdruck durch dieselben mehr empfinde. Nehme ich die Welt immer noch emotional intensiver war, als eine neurotypische Person? Yes. Habe ich meine Offenheit und meine Straight-Forwardsness verloren? Absolutely not. Und das sind Facetten, die ich genauso dieser Diagnose zu verdanken habe. Ich wäre nicht die Person, die ich bin, wäre ich diesen Weg nicht gegangen und hätte diese Arbeit an mir selbst nicht gemacht! Und dafür bin ich schon verdammt fucking dankbar. Also: Please end this absolutely terrible stigma of borderline being a life-sentence! Because it’s not. Actually: Ca. 30% von Menschen mit BPD sind sind nach einem Jahr Therapie geheilt, bei knapp 90% der Menschen tritt die Heilung mit Therapie zumindest in zehn Jahren ein. Gut. Mit dieser Rechenaufgabe entlasse ich euch in den Rest meines Newsletters und damit zu etwas weniger Turbulenzen-getriebenen Gedankenmonologen!
Pop-Psychologie mit Tina Kern!
Juhu! Meine neue Podcast Episode ist da und ich durfte mit Tina Kern über Selbst-Diagnosen und Psychologie Buzzwords quatschen. Tina ist nicht nur meine geliebte Poledance-Companionin und Fellow-Cineastin. Nein: Sie macht gerade auch ihren Psychologie-PHD an der TU (Ja, das gibts!). In der neuesten Episode von #Zwischenräume geht es aber nicht darum, sondern wir plaudern aus dem Nähkästchen (doch mit Expertise-Backing durch Tina) über die neuen Social Media Self-Diagnosis-Trends und die Art, wie wir heute gerne alle mit psychologischen und weniger psychologischen Buzzwords um uns werfen. Hört rein!
Film-Recommendations von heute und damals
Im Folgenden ein kleiner Einblick in meinen cineastischen November-Jungle.
The Apprentice (2024, Ali Abbasi)
Naja also, nachdem meine sehr geschätzte Journalismus-Kollegin und Ex-Mitbewohnerin Jana Wiese (Hier geht es zu ihrem Newsletter!) endlich (!) einen Termin für einen gemeinsamen Kinobesuch gefunden haben, hätten wir buchstäblich alles genommen, was uns so für die Füße gefallen wäre. Dass wir uns genau für das strange Trump-Bio-Pic entschieden haben, gleicht einem seltsamen Weltschmerz-Masochismus, hat aber vielmehr damit zu tun, dass viel zu wenige Kinos den Kulturpass (Danke AMS!) annehmen. Schon einmal dort, muss man aber sagen: Es ist ein guter Film mit einem furchtbaren Protagonisten. Aber was sollte man anderes erwarten? Vielleicht fünfunfzwanzig Minuten zu lang, ist es jedenfalls ein Streifen für seltsame Reality-Clash-Tage, der durchaus auf entsetzliche Weise unterhaltsam ist.
Emilia Perez (2024, Jaques Audiard)
Als ich mich für diesen Film bei der Viennale ins Kino gesetzt habe, habe ich nichts erwartet (I like to go in blind). Dass es sich dabei um ein Musical handelt, in dem die Haupt-Story-Line die Geschichte eines Drogenkartellbosses ist, der eine Frau sein möchte, war also eine ziemliche Überraschung! Damit war es eines der besten Kino-Surprises 2024 und ich will diesen Film wirklich jedem ans Herz legen. Er macht Spaß, hat Tiefe und mal abgesehen, dass er top besetzt ist: Wer hätte gedacht, dass Musical auf Spanisch so viel geiler ist?
Channel Zero, No-End-House (2017, Steven Piete)
Probably eine der besten Horror-Produktionen, die das Fernsehen jemals gemacht hat. SYFY hat dabei Creepy-Pasta-Ideen aufgegriffen und hat in vier Staffeln, vier voneinander unabhängige weird-as-fuckige Geschichten produziert. Mein Favourite: Staffel 2, »The No-End-House«, also bitte unbedingt anschauen und nicht mehr rauskommen!
Heretic (2024, Scott Beck, Bryan Woods)
Noch nicht gesehen, aber seit gefühlt April auf meiner Wishlist! Der Film, der im Trailer schon eine gewisse Weihnachtsstimmung anteasert, kommt passenderweise am 26. Dezember ins Kino. Hugh Grant als spiritueller Protagonist eines psychologischen Horror-Streifens? Ich bin dabei! Und der Trailer lässt zumindest Gutes versprechen … aber man weiß ja, wie das so mit Trailern ist. Ich bin gespannt!
Best in Show (2000, Christopher Guest)
Zum Abschluss, damit sich nicht alle gruseln: Wir haben neulich die beste Mockumentary des Millenniums wieder ausgegraben. »Best in Show« folgt einer Reihe Hundebesitzer*innen zur Hundeshow und mehr Prämisse braucht es eigentlich nicht. Ein Film, der nicht nur Hundebesitzer*innen zum schmunzeln bringen wird!
Link-Collection zu allem, was mich diesen Monat thematisch berührt hat:
Warum Jungs es schwer haben: https://youtu.be/oPxU9x0q2Ps?si=p3uMYdc-a2MAxVia
Trump is not a Fascist Pt. 2: https://youtu.be/EzIaIiiZIpY?si=rRt5rfr2Hgx6dv2V
Tjedeath of the artist: how roan and Rooney saved culture: https://youtu.be/JaM1emB3h9E?si=i0Tu7rSmAGOUMJ2Z
Why are there more bysexual woman then man: https://youtu.be/3Cg_NTsJnwY?si=NkcKulkMmTW9Jmbv
Finding Love with an STI: https://youtu.be/OiqfL8OMDII?si=oDXvp2fXq0c9RcOl
We need to talk about pseudo-intellectuals: https://youtu.be/odPnVhT_YAc?si=8soA1Ikp8YLrDiAQ
Und hier noch ein bisschen österreichischen Rock gegen den Winterblues …
Mit den lieben Burschen hinter »Glazed Curtains« hab ich mich neulich fürs mica unterhalten und musste feststellen: So gläsern, wie ihr Name suggeriert, sind die vier gar nicht!
Ihr setzt euch in euren Song „AUSTRIA“ sehr explizit mit Österreich auseinander.
Constantin Kary: Nach diesem Wahlergebnis dachte man sich nur: Nach all der Scheiße, die in Österreich passiert ist, sind wir schon wieder da?
Matei Balasoiu: Andererseits muss es Gründe dafür geben, warum es so aussieht. Es haben sich ja nicht plötzlich alle gedacht: Yeah, wählen wir Nazis!
Constantin Kary: Menschen sind unzufrieden mit dem Status quo und glauben den falschen Leuten.
Matei Balasoiu: Als ich vor dem Wahlzettel stand, dachte ich mir auch: Holy Shit, was soll man überhaupt noch wählen? Um ehrlich zu sein, vermisse ich manchmal die Zeit, in der ich mich noch nicht damit ausgekannt habe.
Constantin Kary: Schlussendlich wählt man auch nur das geringste Übel.
Matei Balasoiu: Leute haben dafür gekämpft, dass wir wählen können, also müssen wir das auch nutzen.
Das ganze Interview könnt ihr hier nachlesen.
Stahl zum nebligen Abschluss:
Meine liebe liebe liebe Freundin Marion Ludwig hat am 30. November als »Rio Obskur« ihre vierte EP »hommage« gedropped und sie wurde zum Soundtrack meiner Kälte induzierten Herbstmelancholie – Damit: Adieu & Bis zum Nächsten Mal!