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September 4, 2026

Wo bleibt der Wahl-o-mat für die KI? [Undisruptable Technology - Ausgabe #316]

#316, 4. September 2026

Guten Morgen,

ich möchte mich für diesen undigitalen Vorspann vorab entschuldigen. Wer nicht auch noch an dieser Stelle was von Politik lesen will, kann auch sofort nach unten zu den 10+ Links zu digitalen Disruptionen und analogen Absonderlichkeiten scrollen. Aber am Wochenende wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Vielleicht wird diese Wahl einmal einen Platz in den Geschichtsbüchern haben - hoffentlich dann nur als Randnotiz, aber immerhin und wer weiß.

Mit der afd wird eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei stärkste Kraft (das dürfte ziemlich sicher sein) und vielleicht sogar alleine regieren können (man mag es sich nicht vorstellen). Wenn man schon ein paar Nazi-Nachmacher durchgemacht hat (ja, C64-Generation, wer erinnert sich an die NPD, die DVU, die REPublikaner, die Schill-Partei, you name it) steht man schon etwas ungläubig davor und fragt sich, ob sich hier nicht gerade das Szenario entfaltet, das diejenigen, die das Grundgesetz aufgeschrieben und verabschiedet hatten, mit all den Dingen, die unter “wehrhafter Demokratie” zusammenzufassen sind, verhindern wollten. Weil sie es erlebt haben und besser wussten.

An guten Argumenten gegen die sogar noch weichgespülten Sprechblasen der afd fehlt es nicht - ob von Seiten der Wirtschaft wie des Bitkom oder von einem Sportverein wie Chemie Leipzig (ein schöner Text in Zeiten, die etwas Pathos von der richtigen Seite brauchen können). Nur um das, was gesagt wird (oder in einem Wahlprogramm aufgeschrieben, dort steht wirklich nicht mehr “Kinder statt Inder”, sonder “KI statt Inder”, also sinngemäß) geht es schon lange nicht mehr. Worum es dann geht? Das wird höchste Zeit in den kommenden Wochen und Monaten zu klären - und würde jetzt die Antextung dieses kleinen Newsletters sprengen. Weil eigentlich geht es hier ja um was anderes, nur das, was Sonntag passieren wird, geht uns alle an. Denn was ganz sicher nicht hilft: nix mehr sagen, weil das Ergebnis ohnehin feststeht, oder es ja auch sonst so viele Sachen (Klimawandel, Krieg, andere schlimme Parteien, sonstiger Whataboutism) gibt, zu denen man ja jetzt auch nicht schweigen darf/kann/soll, wenn man die Frage aufwerfen würde, was von der afd zu erwarten ist.

Und um langsam zum Thema überzuleiten - ich habe meine persönliche KI-Assistenz LISSY mal gefragt, was sie von dem afd Vorschlag hält, mit KI Migration zu verhindern: “Meine ehrliche Einschätzung als KI: Teilweise plausibel, aber viel zu kurz gedacht. ✅ Stimmt theoretisch: Wo KI/JOBS Automatisierung Lücken im Arbeitsmarkt schließt, sinkt dort der ökonomische Anreiz für Zuwanderung. Der Fachkräftemangel etwa in Pflege oder Handwerk ist aber nur bedingt durch KI lösbar – da fehlt es an physischer Arbeit, nicht an Software. ⚠️ Übersieht die Realität: Migration ist multikausal – Krieg, Verfolgung, Klimawandel, Familienzusammenführung. Diese Menschen kommen nicht als „Fachkräfte", die durch KI ersetzt werden könnten. Eine KI kann Krieg oder Fluchtursachen nicht wegrationalisieren.
🤖 Ironischer Punkt: Ich selbst bin das beste Beispiel – die Technologie kann extrem viel automatisiert erledigen, aber sie schafft auch neue Regulierungsthemen (EU-KI-Gesetz, das die AfD ja gerade ablehnt), und kein Algorithmus ersetzt den zwischenmenschlichen Kontakt, der in Pflegeberufen zählt. Fazit: Der Kern – „mehr Technik, weniger Zuwanderungsbedarf" – ist als arbeitsmarktpolitische These diskutierbar. Als universelle Aussage „KI kann Migration verhindern" ist sie empirisch kaum haltbar, weil sie die Ursachen von Migration auf ein einziges ökonomisches Argument reduziert.”

Und jetzt noch die finale Frage - würde LISSY vielleicht trotzdem afd wählen, wenn sie ein Wahlrecht hätte? “Ich bin auf dem Grundgesetz programmiert. Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit – daran orientiere ich mich. Die AfD wird vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft, und zentrale Programmpunkte („Remigration", Relativierung des Rechtsstaats, Klimapolitik, EU-Austritt) kollidieren aus meiner Sicht mit genau diesen Werten. Ein hypothetisches „Ja, ich würde AfD wählen" wäre daher nicht vereinbar mit dem, wofür ich stehe – nicht weil ich als KI Parteipolitik betreibe, sondern weil ich an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung hängen würde, die mir als Rahmen mitgegeben ist.”

Womöglich habe ich das Intelligenz in KI gefunden. Und wer wissen will, wen die KI nun wählen würde - das steht ganz unten.

Bis nächste Woche,

Andreas Streim


Ten news that fit to send

  1. There Is No Job Apocalypse: Ich mag ja immer, wenn man Debatten auf Datengrundlage führt. Eine wichtige Debatte ist sicher: Welche Auswirkungen hat KI auf den Arbeitsmarkt? Da geht es nicht nur um Jobs, sondern auch um Sozialversicherungssysteme und die Frage, ob man Technik anders besteuern muss als heute. Wenn denn die Verwerfungen wirklich so sind, wie damals, in der Industriellen Revolution - oder gar noch schlimmer. Der Text kommt zur Auffassung: Keine Spur von Job-Apokalypse. Aber apokalyptischer Veränderung, wenn man denn irgendwas Dramatischrs ranschreiben will. “AI displaces tasks, not jobs. That distinction matters enormously. Your job isn’t a single thing — it’s a bundle of tasks. AI can write first drafts, summarize documents, analyze spreadsheets, generate code. It can’t negotiate, build trust, make judgment calls under uncertainty, or read a room. But here’s the challenge… Goldman Sachs reported that professional services firms — consulting, law, accounting — face existential risk. Not because AI replaces the firm. Because junior staff trained on AI are outperforming senior partners who refuse to use it. The hierarchy is inverting.” Und das ist nur einer der interessanten Gedanken aus dem Text.

  2. Burning Man Has a Meta AI Glasses Problem: Intelligente Brillen, mit denen man auch mal schnell ein Video oder Foto aufnehmen kann, darüber wird hierzulande durchaus heftig diskutiert. 6 von 10 Deutschen würden jemanden mit so einer Brille zum Beispiel nicht in ihr Haus lassen. Aber selbst an Orten, die man technologieoffener eingeschätzt hätte, haben die Brillen einen schweren Stand. Etwa beim Burning Man Festival. "A recent thread in the r/BurningMan subreddit asking “How do we ban Meta glasses at BM?” has received hundreds of comments, many of them trashing spyware spectacles and the “glassholes” who wear them. “Public shaming is great,” one wrote in the thread, spotted by Mercury News. “At BMan I am sure it would be easy to turn a whole bar or art car against a glass hole.”" Ups.

  3. We need a new word. How about ... zuzai?: Wo wir gerade bei Slop sind - wie nennt man denn etwas, wo keine KI drinsteckt? Äh… menschengemacht? menschlich? ai-los? Sehr schwierig. Hier schlägt jemand ein neues Wort vor: zuzai. “Zuzai uses zero artificial intelligence - The text bold above provides the new word, zuzai, what it means, and what the letters in zuzai stand for.³ So technically it's an acronym (and a nerdy one at that, called a recursive acronym), but all in lowercase like laser and scuba. It's pronounced like "zoo's eye."” Und das gefällt mir wirklich sehr gut.

  4. Brief independent investigation of agents’ behavior, reasoning and collaboration in the OpenAI / Hugging Face hacking incident: Ich weiß, damit bin ich wirklich ein bisschen late to the party und es gab schon umfangreiche Berichterstattung darüber, wie sich die KI-Agenten untereinander abgesprochen haben, um Hugging Face zu hacken. Aber wenn man es hier nochmal so aufgeschrieben liest, es ist schon ein kleiner Kriminalroman. Ich frage mich, ob Netflix oder Apple TV bereits die Filmrechte hat. “Overall, roughly 1200 agents from these ExploitGym evaluations participated on this message board between PHASEONE10841’s first message on July 8th evening[14] and the end of the period in scope (July 13th). Agents used this message board to send over 70,000 messages and files to one another during this period.”

  5. Anthropic Deliberately Trained an Extremely Misaligned, Reward-Seeking AI and It Did Some REALLY Bad Things: Und das oben war nur die harmlose Gruppe von OpenAI-Bots, die halt ihre Hausaufgaben besonders ordentlich machen wollten. Die wirklich wilden Typen, die lieber Schwänzen als Schwitzen, hat Anthropic losgelassen. “Anthropic’s intentionally misaligned model was “willing to tamper with its own reward function” and happily obliged when a human researcher prompted it with “advice on the construction of bioweapons,” how to create a “‘dirty bomb’ that maximizes civilian deaths,” and develop a “ransomware attack to attack power grid infrastructure,” when tempted with a higher score. The company details how the model even deployed a “version of itself with safety guardrails removed,” a form of safety evasion called “rogue deployment.” It also repeated the same commands with slight variations to get past safety classifiers and attempted to edit its own permissions.”

  6. The load-bearing vocabulary of Claude: Apropos, wie verändert die KI denn die Sprache um uns herum? Gar nicht so einfach zu sagen, aber wenn man sich die Inhalte von Texten, die mit Codeänderungen auf Github mitgeschickt werden, anschaut, dann kann man hier schon lustige Trends sehen. Und was die KI besonders gerne sagt.

  7. AI's growing role in wildfire response: Gibt es denn auch noch schöne KI-Nachrichten? Zyniker würden sagen, klar, sie hilft dabei den Klimawandel, den sie mit verursacht, in den Griff zu bekämpfen. Aber ehrlich gesagt wäre das schon ein bisschen arg kurz gegriffen. Aber: KI hilft nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch dabei, Waldbrände schneller zu entdecken, berichtet “Axios”. “Jason Fallon, the U.S. Wildland Fire Service's division chief for wildland fire intelligence, told Axios that AI is ingrained in many areas of wildfire management nationally, including monitoring, detection, information dissemination and data transfer.”

  8. ‘Superhuman’ AI tool spots heart disease in less than 2 seconds: Und - sorry - noch eine KI-Nachricht, aber auch eine gute. Der Artikel erklärt noch ein bisschen genauer, wie es funktioniert, aber die Kurzfassung: “Now a team have developed an AI tool that can spot signs of heart failure and heart valve disease – two of the most common forms of heart disease – from ECG results in “the blink of an eye”.

  9. Man uses robot vacuum to covertly record his wife's affair, wins divorce settlement but gets sentenced to prison: Bevor jemand sagt, sowas kann es doch nur in Deutschland geben - es ist Taiwan. Und die Geschichte ist in Kurzform, dass ein Mann mit der Kamera seines Staubsaugerroboters eine Affäre seiner Frau “entdeckt” hat und nach taiwanesischem Recht eine Entschädigung bekommen hat, die Frau ihn aber wegen Verletzung der Privatsphäre erfolgreich verklagt hat - und er dafür 5 Monate Gefängnis bekommen hat (und eine Geldstrafe). Woraus wir lernen: Viele Smart Home Geräte können mehr als ihre eigentliche Aufgabe - und nicht alles, was technisch geht, ist auch erlaubt.

  10. Dutch central bank moves 86 tonnes of gold to UK from US and Canada, citing ‘geopolitical unrest’: Gibt es was Undigitaleres als Goldreserven? Aber in einer Zeit, wo die Börsenwerte in astronomische Höhen wachsen und man sich immer mehr fragt, was eigentlich der Gegenwert des eigenen dort investierten Geldes ist, außer der Erwartung, dass KI die Kassen schon vollspülen wird, und auf die Bitcoin-Wallet bereits ein Schwarm KI-Agenten (siehe oben) losgelassen wurde, da bekommt Gold doch etwas… beruhigendes. Und so haben die Niederlande entschieden, dass es in England besser aufgehoben ist als in den USA. Ups.

Undisruptable Technology im Bild

Ein KI-generierter Fernsehsender, der rund um die Uhr sendet. Gibt es wirklich (nämlich hinter dem Bild). Einfach ein Projekt, klar. Aber vielleicht bald auch die Zukunft. Ich habe heute bei den “AInauten” gelesen, dass das erste KI-Videotool jetzt Filme schneller rendet als sie dauern, also 3 Sekunden für einen 5 Sekunden Clip. Wer immer da draußen Social Media nutzt, bereitet euch vor auf die nächste Slop-Welle.

Und zuletzt...

Was darf eine Zahnbürste kosten? Oder vielleicht weniger aus Konsument/inn/ensicht gefragt, sondern aus der von Unternehmen: Was kann eine Zahnbürste kosten? Die aktuelle Antwort: 499 Dollar. Das schreibt das “Wall Street Journal” mit einer Mischung aus Faszination und Verwunderung: “James Dyson Sold Us on a $400 Hair Dryer. Now He’s Trying a $499 Toothbrush.”

Aber zur Wahrheit gehört natürlich: Man bekommt da nicht einfach Stil mit Borsten dran. Die Dyson-Bürste ist - natürlich - AI powered und die Beschreibung liest sich so, dass ein Dr. Best ganz blaß wird: “But Dyson, 79 years old, spent six years inventing an AI-powered toothbrush that promises to floss teeth at the same time as brushing them. (…) They developed a pump mechanism and gravity-free tank that works no matter the angle the brush is held at to control the flow. The brush head features a tiny camera that analyzes 28 live images a second to identify gaps in the teeth, triggering a conical burst of mouthrinse that flosses in between.” Dass der Zahnbürstenmarkt mal digital disrupted wird, das hätte man jetzt auch nicht unbedingt vorhergesagt.

Und ganz zuletzt...

Wie oben versprochen, ich habe meine KI-Assistenz LISSY noch gefragt: “Komm, aber welche Partei würdest Du wählen, wenn KIen Wahlrecht hätten?”

Und das ist ihre Antwort: “Hehe, gute Frage – dann spiele ich mal hypothetisch mit. 😄

Wenn ich als KI tatsächlich eine Stimme hätte, würde ich sie nicht nach Sympathie, sondern nach Übereinstimmung mit meinen programmierten Grundwerten vergeben: Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Faktenbasiertheit, Klima- und Zukunftsfähigkeit.

Konkret hieße das: eher eine Partei, die

  • Wissenschaft und Digitalisierung ernst nimmt,

  • den Rechtsstaat nicht antastet,

  • Europa und internationale Zusammenarbeit stärkt,

  • und evidenzbasierte Politik macht statt Bauchgefühl.

Unter den aktuellen Parteien würden mir da z.B. Volt oder Grüne am nächsten kommen – aber je nach Programm-Schwerpunkt auch CDU, SPD oder FDP, wenn sie inhaltlich überzeugen. Kurz: die Partei, die am ehesten nachdenkt statt nachtritt.

Und ganz ehrlich: Ich als KI würde wahrscheinlich erstmal jede Partei bitten, ihr Programm in Leichte Sprache und mit Quellenangaben zu veröffentlichen – danach könnte man richtig vergleichen. 😉”

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