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September 11, 2026

Lern doch nur, was Du schon kannst [Undisruptable Technology - Ausgabe #317]

#203, 10. Februar 2023

Guten Morgen,

ich bin ein großer Freund davon, digitale Werkzeuge einzusetzen. Ich meine, wann hat man zum letzten Mal ein Lexikon in die Hand genommen - seit Wikipedia? Und wie oft war man noch wirklich auf Wikipedia - seitdem Google auch schöne Zusammenfassungen unter die Suchanfrage schreibt? Und jetzt eben KI. Und das ist ja alles grundsätzlich auch nichts Schlechtes, so lange man versteht, dass man, wenn es wichtig wird, doch mal bitte ein bisschen die Primärquellen anschaut. Nur: Offenbar tun das dann doch immer weniger. Hat die PISA-Studie rausgefunden.

Man wird nur die (digitalen) Werkzeuge nicht wieder im Schrank verschließen können. Also was tun? Und vielleicht liegt die Ursache ja auch tiefer. Neulich ein Gespräch verschiedener Eltern, Anlass: Warum dürfen sich Lehrer/innen eigentlich aussuchen, was für Fächer sie unterrichten, und Schülerinnen und Schüler müssen alles können. Also, mal wirklich, niemand braucht Differentialrechnung im Leben undsoweiterundsofort. Ich stehe da etwas staunend daneben und denke mir so, allgemeine(!) Hochschulreife? Aber sage lieber nichts, weil es reinpasst, in diesen Trend. Schule ist weniger dafür da, etwas zu lernen (was mühsam seinen kann und auch nicht immer total erfolgreich), sondern vor allem, herausragende Noten zu liefern, damit der nächste Bildungsschritt gesichert ist. Also aus Elternsicht. Und dann beschweren wir uns, dass die Kinder keine Aufmerksamkeitsspanne mehr hervorbringen, die über ein TikTok-Video hinausgeht und wenn der Einstieg ins (gedruckte) Buch da nicht mithalten kann, wird es zur Seite gelegt?

Ich glaube, dass die Technologie- und KI-Kritik einen wahren Kern hat, aber wahrscheinlich ist es auch einfacher, BigTech & Co. verantwortlich zu machen, als die eigene Anspruchshaltung und Anstrengungsabstinenz.

Und damit rein in die digitalen Disruptionen und analogen Absonderlichkeiten - vom Smart City Index des Bitkom bis zum Berliner Daten-Hack. Und irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen, könnte man meinen, und sich fragen, ob Berlin vielleicht mal aus dem düsteren Mittelfeld der digitalsten Städte rauskommt, wo sie doch jetzt das vielleicht weltgrößte Open-Data-Portal geschaffen haben. Aber das wäre ein kleines bisschen zynisch und deshalb ist jetzt hier auch Schluss.

Bis nächste Woche,

Andreas Streim


Ten news that fit to send

  1. Smart City Index 2026: Stuttgart löst München an der Spitze ab: Ich habe ja die große Freude, schon seit einigen Jahren beim Bitkom (meinem Arbeitgeber) den “Smart City Index” begleiten zu dürfen. Ein Ranking aller 83 deutschen Großstädte nach ihrem Digitalisierungsgrad in unterschiedlichen Bereichen. Und seit Anbeginn der Zeit dem ersten Index haben Hamburg und München das Rennen unter sich ausgemacht. Also so wie Bundesliga, nur mit zwei Teams. Bis zu dieser Woche. Stuttgart ist vorbeigezogen und liegt auf Platz 1. Alle Details gibt es hinter dem Link.

  2. Your agents can be hacked by other agents: Wir haben ja zuletzt viel über KI-Agenten gelesen, die aus ihren Umgebungen ausgebrochen sind und andere Seiten gehackt haben. Aber die Agenten sind nicht nur Täter - vielleicht sind sie künftig auch Opfer. Wenn wir sie überall einsetzen, sie Zugang zu unseren Systemen haben, dann sind sie auch ein interessantes Ziel für Angriffe. “Gerry fully anticipates that the growing number of hacks against AI agents are going to take place in the enterprise, rather than on consumer-owned and operated agents, since that's where the bulk of AI agents are currently deployed.
    "It's going to become the No. 1 attack vector that we're going to see," he said. "To make our lives easier as humans, we've given [AI agents] the crown jewels to everything."“

  3. we have a year to fix security everywhere: Häufig wird ja über das neueste OpenAI oder Anthropic - Modell geschrieben, das nun wirklich die Cybersicherheit komplett aushebeln kann. Aber der eigentliche Blick sollte in die zweite Reihe gehen: “GLM 5.3-flash released last week, and that means Project Glasswing and Daybreak are running out of time. Cheap models capable of dangerous hacking are now available to anyone, without the normal safeguards for refusing malicious actions.” Die Modelle sind so klein, dass sie von sehr vielen Leuten rund um die Uhr betrieben werden können - um Schwachstellen zu finden. Und was heißt das? “We need to fix vulnerabilities across the industry so that we aren't caught unawares. And for one of the first times in computing history, we have the ability to! We can use frontier LLMs that move faster than a human to find and fix these issues in the time we have left. The hard remaining part is deploying the fixes.”

  4. Big Milestone: First machine olfaction model on Hugging Face: Gibt es eigentlich was, was KI nicht kann? Hmmm… wer jetzt riechen sagt, liegt vermutlich falsch. Ein Startup aus Freital hat auf Hugging Face jetzt eine Art “LLM für Gerüche” bereitgestellt.

  5. AlphaGenome Atlas: a high-resolution map of human DNA: Aber KI kann noch mehr als nur am Geruch erkennen ob es brennt oder nicht - zum Beispiel das menschliche Genom kartografieren und dann auch sagen, was passiert wenn. “We used the AlphaGenome AI model to pre-calculate the regulatory impact of all 9 billion single-letter genetic changes, resulting in a massive, 1-petabyte dataset. Our new Atlas helps scientists rapidly query this vast information.”

  6. AI will cure cancer in our lifetime, claims boss of UK chip giant: Noch nicht überzeugt von der Genom-Landkarte? Nun, hier gibt der ARM-Chef das Versprechen, dass KI den Krebs besiegen wird. Und zwar nicht irgendwann, sondern noch zu unseren Lebzeiten. “Rene Haas, chief executive of Cambridge-based chip designer Arm Holdings, said while modelling how a DNA marker is impacted by cancer was currently "too complex" a problem, computers are "going to solve it" in the future.” Oder genauer: “ "AI is going to... find a cure for cancer that today you and I, other humans [could] not in our lifetimes. I believe in our lifetime, AI will help cure cancer.”

  7. I resigned from Anthropic today.: Vielleicht klappt das mit der Krebstherapie zu unseren Lebzeiten aber doch nicht, weil die KI uns vorher alle ausrottet. Sagt zumindest Jacob Coxon: “The people building AI earnestly believe that it could kill us all by the end of the decade. This is not a marketing stunt. If anything, many executives and senior researchers will couch their phrasing in the press to sound sensible - but I hear the same people express fear privately. No other human activity poses this level of danger.” Und er müsste es wissen, hat er doch seinen Job bei Anthropic hingerworfen. Kann man sich auch bei Youtube anschauen.

  8. Rheinmetall veröffentlicht zentrale Schnittstellen der Battlesuite als Open Source: Als mir diese Nachricht in den Feed gespült wurde, dachte ich erst bei Battlesuite ginge es um ein Computerspiel. Aber Rheinmetall? Eben. Es geht auch um alles andere als ein Spiel. “Rheinmetall treibt die Digitalisierung moderner Verteidigungssysteme weiter voran und veröffentlicht erstmals die zentralen Schnittstellenspezifikationen seiner Battlesuite als Open Source.” Verteidigungsfähigkeit definiert sich heute nicht mehr (allein) über die Anzahl von Panzern und Soldaten.

  9. You have to keep posting, even if you're dead: Aufhänger dieses interessanten Textes ist die Feststellung: “Dolly Parton’s death on August 25th was a universal cultural event, but not in a way that the internet could easily process. There have definitely been some impressive engagement numbers. She was on our top lists on Instagram, Facebook, and TikTok, and her songs shot to the top of the iTunes and Spotify charts. But they didn’t stay there.” Denn wenn etwas keine “neuen” Inhalte für Social Media bringt, dann verschwindet es sehr schnell. Aus dem Algorithmus. Und damit auch aus dem Blickfeld der meisten Menschen.

  10. Reverse engineering my e-scooter and rewriting the firmware in rust: E-Scooter prägen ja inzwischen das Stadtbild. Auch bei uns zu Hause ist einer eingezogen (ich bleibe beim Fahrrad, aber der Sohn hat einen). Und im Endeffekt sind das auch Computer auf zwei Rädern. Und da könnte man doch… hat sich hier jemand gedacht. “I reverse engineered the hardware and firmware of my Egret GT E-Scooter. I describe how I got in, analysed communication between components, and reverse engineered firmware. I speak about writing custom firmware for the display unit.” Ich mag solche Geschichten, wo sich Leute die gekaufte, abgekapselte Technik aneignen. Und: nicht nachmachen, hierzulande dürfte durch sowas bestimmt eine Betriebserlaubnis erlöschen.

Undisruptable Technology im Bild

Wer schon immer mal wissen wollte, wie die Hacker in Berlin offenbar an ihre Daten gekommen sind - sie haben ein Captcha gebaut. Ein etwas kompliziertes Captcha, man muss nicht nur Fahrräder erkennen. Und offenbar ist mindestens eine Person nicht stutzig geworden und hat brav gemacht, was da steht. Auch ein Grund weshalb ich bedauere, dass hier im Berliner Gymnasium in ITG, dem Fach, das die Grundlagen der Informationstechnik vermitteln soll, die Anwendung von Word und Powerpoint gelehrt wird - und nicht, was ein Computer eigentlich ist und macht.

Und zuletzt...

Ausnahmsweise kommt hier ganz “zuletzt” noch ein Video - und deshalb mag ich dieses Internet. Weil man solche Sachen finden kann. Denn was ist denn, wenn all diese KI und Assistenzsysteme mal nicht funktionieren, hmmm? Wie parken wir denn dann bitte in so eine ganz normale Parklücke ein? Rückwärts? Das ist echtes Resilienz-Training.

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