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October 9, 2026

Und wenn Europa es doch kann? [Undisruptable Technology #321]

#321, 9. Oktober 2026

Guten Morgen,

wie wäre es zu Beginn mal mit zwei guten Nachrichten aus Europa, die sich auch gleich oben in der Linksammlung finden: Aleph Alpha und Mistral legen beide mit Sprachmodellen nach. Die jetzt nicht ganz oben in der “unser neues Modell kann jetzt noch schneller aus der Sandbox ausbrechen und Hackerangriffe durchführen”-Liga mitspielen, aber dafür bestimmte Sachen besonders gut machen und Open Weight sind. Sich nicht zwischen USA und China entscheiden zu müssen, wäre ja wirklich eine gute Sache. Alle Details dann gleich ein paar Zeilen weiter unten.

Ein weniger schönes Thema sind hybride Angriffe auf Deutschland. Also das, was wir inzwischen regelmäßig erleben, Drohnenflüge an Flughäfen, Anschläge auf Stromleitungen, Desinformation und Hetze in Social Media. Was Unternehmen, Verwaltungen, aber auch jede Bürgerin und jeder Bürger dagegen tun kann (oder wie es modern heißt: wie wir resilienter werden können), hat der Digitalverband Bitkom (Disclaimer: mein Arbeitgeber) im Web zusammengestellt: www.bitkom.org/ResilienceHub. Dort gibt es Checklisten, ein Quiz und auch eine Videopodcast-Reihe mit spannenden Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern zum Thema. Ich kann wirklich nur allen einen Besuch empfehlen, denn wenn man erst darüber nachdenkt, wenn die Krisensituation da ist, ist es meistens ein bisschen (zu) spät. Das Ganze ist übrigens dann auch Thema auf dem ersten Resilience Day am 15. Oktober auf der Smart Country Convention in Berlin. Auch da lohnt sich natürlich ein Besuch.

Und jetzt geht es zu den handgeklöppelten Links zu digitalen Disruptionen und analogen Absonderlichkeiten dieser Woche. Neben den üblichen 10 Links gibt es eine Update-Sektion zum Schwerpunktthema “KI-Agenten” der vergangenen Woche. Ich wünsche spannende Lektüre und bis nächste Woche,

Andreas Streim

Ten news that fit to send

  1. Aleph Alpha Kolibri: How the Sovereign German LLM Works: Eine Nachricht, die wie ich finde ein bisschen mehr Resonanz verdient hätte. Sie kommt von Aleph Alpha, einst die große Hoffnung für Deutschlands KI-Ambitionen. Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober wurde ein deutsches Open-Weight-Modell mit dem schönen Namen Kolibri veröffentlicht (hier kann man es mal ausprobieren). Ziel: Souveränität und Leistung gleichermaßen. 78,1 Milliarden Parameter als Mixture of Experts, von denen pro Token nur 3,46 Milliarden aktiv sind, Apache-2.0-Lizenz, trainiert auf Infrastruktur in Deutschland und Finnland – plus ein Tokenizer, der für deutsche (Gesetzes)Texte 15 Prozent weniger Tokens braucht als GPT-5. Und noch etwas Schönes, aber doch eher sehr undeutsches (oder?): Das Modell wurde darauf trainiert, "I don't know" zu sagen, wenn die Quellen keine Antwort hergeben. Übrigens noch eine gute Nachricht aus Europa: Der französische KI-Konzern Mistral hat sein neuestes und größtes Modell “le Chonk” vorgestellt, um insbesondere den chinesischen Open-Source(=Weight)-Modellen Paroli zu bieten.

  2. AI got too expensive, so companies are moving to cheaper models: Tatsächlich könnte es sich für Aleph Alpha und Mistral noch rechnen, denn inzwischen geht es nicht mehr nur um das neueste und größte Top-Modell. Denn: vielen Unternehmen macht die KI-Rechnung inzwischen Kopfzerbrechen und statt OpenAI, Anthropic & Co. kommen plötzlich die meist chinesischen Open-Weight-Modelle mit nur etwas weniger Leistung, aber einem Bruchteil der Kosten zum Einsatz. Der Artikel berichtet, dass AT&T inzwischen 40 Prozent seiner KI-Arbeit von offenen Modellen erledigen lässt. Der Ratschlag an alle, die KI einsetzen: “measure cost per completed task. Teams that know that number can negotiate, or move work to a cheaper model when quality allows.”

  3. Anthropic's IPO Prospectus Is a Fucking Doozy: Apropos große KI. Ich gebe zu, dass meine angelesenen 1990er-Börsen-Weisheiten (noch vor der Dotcom-Blase, yeah) heutzutage irgendwie gar nichts mehr mit der Realität haben. Aber schön, wenn dann wie hier jemand mal den Börsenprospekt von Anthropic durchliest und auch eher kopfschüttelnd zur Erkenntnis kommt, dass darin weniger ein Unternehmen als eine Heilslehre zu finden ist: "It only makes sense if you believe Anthropic is on the cusp of winning a race to create a godlike super intelligence, and that first godlike super intelligence will take over the world." Die Zahlen: 42 Milliarden Dollar Nettoverlust 2025, 518 Milliarden geplante Cloud-Ausgaben, oder kurz: Wir wollen eine 50-fache Bewertung, berechnet auf unseren Verlusten im Vorjahr. Wobei das keine Anlageberatung sein soll - denn wenn eines für mich gilt: Ich habe schon immer die falschen Aktien gekauft, oder die richtigen zur falschen Zeit.

  4. 'Pull the plug': protesters resort to direct action against AI firms: Der “Guardian” porträtiert die wachsende Anti-KI-Bewegung, die von Petitionen zur direkten Aktion übergeht, etwa Banner auf einem Nvidia-Dinner oder hunderte Protestierende vor Palantirs Londoner Zentrale. Es geht darum, sich nicht machtlos zu fühlen und den Mächtigen auch ein bisschen Angst zu machen. Ein Terrorismusforscher warnt: "It's quite likely that we will see anti-AI violence becoming more prominent as a driver to political violence."

  5. I got targeted: Hier ein schönes Beispiel, wie Cyberangriffe auf Leute in der Tech-Branche laufen. Eine fingierte Projektanfrage führte zu einem Cloud-Ordner. Dort lag - vereinfacht gesagt - versteckt ein Hinweis für das verbreitete Git-Protokoll, das in der Softwareentwicklung eingesetzt wird, nachdem er sich den Code für das Projekt angeschaut hat, noch eine Aktion auszuführen: ein Programm, das nachschaut, um was für einen Computer es sich handelt, eine passende Schadsoftware runterzuladen, auszuführen und dann die Spuren zu verwischen. Das Ziel: vermutlich, Zugänge zu seinen Kundendaten zu kommen. Das Problem: Wer so Software-Entwicklerinnen und -Entwickler erfolgreich angreift, bekommt möglicherweise Zugang zu den Systemen ihrer Auftraggeber und Kunden - und die damit ein echtes Problem.

  6. MCP for agent-to-agent comms may be the riskiest protocol you've never heard of: Aber womöglich muss man bald ja gar nicht mehr Menschen angreifen, in falscher Sicherheit wiegen und zu gefährlichen Aktionen verleiten. MCP ist das Protokoll, mit dem Software mit KI-Agenten kommunizieren kann oder KI-Agenten mit Software - oder auch KI-Agenten untereinander. Das Problem ist, darin gibt es ein paar Schwachstellen, die man vereinfacht so zusammenfassen kann: Prompt Injections, also bösartige Befehle an die KI, die über MCP von einem Agenten zum nächsten weitergereicht werden. Und weil jeder Agent dem anderen vertraut, funktioniert das. Die einzige Lösung: “Anything passed from an LLM to your tool should be treated like input from a stranger on the Internet, because in a prompt injection scenario that's exactly what it is.”

  7. OrySnack: The Bar Where Bartenders Work From Home: Erinnert sich noch jemand an Elon Musks humanoide Roboter, die in Wirklichkeit von Menschen gesteuert wurden? Das ist natürlich ein eher übler Hack, wenn man Autonomie verkaufen will, aber eigentlich sind doch solche ferngesteuerten Roboter eine tolle Idee. In Tokio bedienen in der Snack-Bar OrySnack sechs kleine humanoide Roboter die Gäste, und zwar ferngesteuert von "Piloten" zu Hause, darunter eine Frau mit Muskeldystrophie. "Rather than asking people who can't easily get to work to adapt themselves to the workplace, OryLab is adapting the workplace to them.” Vielleicht ist die Zukunft gar nicht weniger menschliche Arbeitskraft, sondern (auch) neue Wege, Menschen am Arbeitsmarkt zu beteiligen.

  8. Utah will become first state to let AI examine patients and prescribe medication without direct human oversight: Kurzer Zuruf aus der Zukunft: Utah wird der erste Bundesstaat, in dem eine KI ohne direkte ärztliche Aufsicht Patienten untersucht und Medikamente verschreibt. Das Ganze aber aktuell nur für eine Krankheit, nämlich bei leichter bis mittlerer Akne. Die Idee ist relativ simpel. Man lädt eine App runter, macht Bilder von seinem Gesicht und gibt persönliche Daten ein und die KI bewertet dann die Haut und die Stärke der Akne. Und verschreibt dann das passende Medikament, vollautomatisch. Nur in Ausnahmefällen prüft ein Arzt die Verschreibung. Allerdings gilt ausdrücklich, dass die verschriebenen Medikamente nur geringe Nebenwirkungen haben, die sich auf “localized skin irritation or dryness” beschränken, das gesundheitliche Risiko ist in dem Fall also überschaubar.

  9. German Military Intelligence Uses AI to Screen Bundeswehr Applicants for Right-Wing Extremism: Der MAD, der militärische Geheimdienst hierzulande, hat sich auch eine KI bauen lassen. Die diagnostiziert aber keine Akne, sondern rechtsextremistisches verfassungsfeindliches Verhalten von Bundeswehr-Bewerbern. Die "Assisted Constitutional Loyalty Check" genannte Software läuft demnach seit Juli und hat bisher eine niedrige dreistellige Zahl von Kandidatinnen und Kandidaten ausgefiltert.

  10. KI-gesteuerte Roboter schießen russische Geran-5-Drohnen ab: Die Ukraine braucht die KI dagegen gerade für existenziellere Bedrohungen. Sie setzt jetzt erstmals KI-gesteuerte Robotergeschütztürme ein, um Russlands schnellste Angriffsdrohnen abzuschießen. Vor allem geht es um die rund 600 Stundenkilometer schnellen Geran-5 Drohnen. Durch die KI-Flak liegt die Abfangquote immerhin zwischen 50 und 70 Prozent, bei älteren Modellen wie der Geran-2 bei über 85 Prozent.

Update

In der vergangenen Woche hatte ich ja einen Schwerpunkt zu KI-Agenten. Und auch diese Woche ist ein bisschen was reingekommen, das ich deshalb hier nochmal kurz als Update zusammenfassen möchte.

  1. Meta's Muse Is An Adorable Privacy And Security Dumpster Fire: Metas KI-Agent Muse scheint dort, wo man ihn bereits benutzen kann (also nicht Deutschland) durchaus genutzt zu werden. Hier gibt es aber eine schöne Sammlung von Pleiten, Pech und Pannen: ein Zero-Day, der das Ausspionieren von Mac-Nutzern erlaubte, Root-Zugriff durch bloßes Vorgeben, selbst ein Muse-Agent zu sein, private Nachrichten, die trotz expliziten Verbots in die Cloud wandern. Ganz, ganz womöglich könnte dahinter stecken, dass das Produkt schneller auf den Markt kam, als das eigene Sicherheitsteam es wollte: “The Meta source said they felt security teams were asked to push hot fixes to these bugs as quickly as possible and in a way that wouldn't delay Muse's launch, leading to what they described as 'half-baked protections being rushed out to enable the launch.” Ach so, ja, und “Wired” hat noch rausgefunden, dass Muse nebenbei auch noch was anderes macht. Sie erstellt “detailed profiles of all your friends, family, colleagues”.

  2. Another personal AI assistant has launched — Meet Tab, which emerged from stealth with a $300M valuation: Aber neben Metas Muse und OpenAIs dots kommen noch weitere KI-Assistenten auf den Markt. Hier ist Tab. Die Idee: Man textet dem Assistenten einfach auf iMessage oder WhatsApp. Das bedeutet: “It has its own phone number, computer, and wallet, so it doesn't tell you how to do those things. It does them.” Vertrauen sei das Produkt.

  3. Silicon Valley's AI wunderkind launches Underdog, the most private Instinct/Muse competitor yet: Und dann ist da noch Sigil Wen, der Underdog herausbringt. Einen wirklich privaten KI-Agenten, der komplett auf dem eigenen Gerät (aktuell Mac und Windows) läuft, basierend auf einem feingetunten Qwen3.8-27B Modell. Und wie soll da Geld verdient werden? Die eigenen Kosten des Unternehmens sind durch die lokale Nutzung sehr niedrig, daher keine Abos und keine Werbung. Stattdessen nimmt Underdog einen kleinen Prozentsatz der Zahlungen, die der Agent über Stripe abwickelt.

  4. Sierra, Meta Publish Personal Agent Protocol Backed by Walmart: Stichwort Kaufen. Sierra und Meta haben mit dem Personal Agent Protocol einen offenen Standard vorgelegt, der festlegt, wie sich persönliche KI-Agenten bei Unternehmen authentifizieren. Mit dabei sind am Anfang Walmart, Shopify, Stripe und Instinct. Die Idee ist: “Consumers decide what access to give their personal agents, and companies set parameters for what those agents can do.” Grundsätzlich eine spannende Frage, wenn KI-Agenten wirklich in der Breite ankommen, dann werden sie irgendwann auch Geld ausgeben (müssen).

  5. Tony Fadell on why the first wave of AI gadgets failed — and what comes next: Aber die Frage, ob die Menschen das wirklich brauchen, ist ja durchaus berechtigt. Und ich fand den Gedanken hier ganz spannend: “It's less than 0.01% of the world population that has ever had a human [assistant] do anything, and so when [companies] say, 'Oh, we want an assistant,' that's a bunch of people who have assistants saying it. Most consumers don't even know what an assistant is.” Die Menschen wissen gar nicht, was ein Assistent ist, ihnen fehlt er nicht und sie wissen auch nicht, was er machen kann und soll. Und dahinter steckt vielleicht ein größeres Problem, dass Firmen zu oft nur machen, was technisch möglich ist, nicht ein Problem lösen, das die Leute wirklich haben.

Undisruptable Technology im Bild

Ein schwimmender Staubsaugerroboter - oder sowas in der Art: Der Hebao H3 von Dongfang Water nutzt KI und GPS um autonom Plastikmüll, Flaschen und Blätter zu erkennen und einzusammeln, Hindernissen auszuweichen und bei vollem Sammelbehälter automatisch zur Basis zurückzukehren. Immerhin kann er auf dem Wasser nicht Ladekabel einsaugen oder an Lego-Steinen verzweifeln.

Und zuletzt...

Wenn man heute eine App auf sein Handy runterlädt, dann sind das immer mindestens dreistellige Megabyte-Größen, die da durch das Datenvolumen laufen. Klar, heute ist auch alles viel realistischer, schneller, besser als früher. Aber manchmal frage ich mich, wie Leute (zugegeben: viel einfachere, aber trotzdem) Software in 64 Kilobyte (oder weniger) RAM bekommen haben. Und deshalb mag ich solche Texte wie Reverse Engineering NovaLogic's Comanche Terrain Maps. Gustavo Pezzi öffnet die Kartendateien des 1992er Spiele-Klassikers “Comanche: Maximum Overkill”. Da konnte man mit einem Hubschrauber durch 3D-Landschaften fliegen, die auf einem 386er PC beinahe fotorealistisch wirkten. Aber wie ging das? Am Ende nur durch zwei einfache PCX-Bilder (das war ein Standard so wie heute JPG). Sein Befund beim Blick in die Rohdaten: “I think that's the real lesson here. Programmers in the early 90s didn't reinvent everything. They used the formats and tools the artists already had, like PCX files straight out of a paint program, and saved their cleverness for the parts that really needed it.”

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