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October 16, 2026

Einer ist immer der Feind. FEIND! [Undisruptable Technology #322]

#322, 16. Oktober 2026

Guten Morgen,

wie, Sie hatten einen Newsletter-Termin morgens kurz nach 6 Uhr und jetzt ist es schon viel später und Sie mussten eeeeeewig warten? Was ist denn Ihre Wartenummer, zeigen Sie bitte mal. Oder anders gesagt: Ich bitte die heutige Versand-Verzögerung zu entschuldigen, ich war die vergangenen drei Tage bei der Smart Country Convention in Berlin, wo sich alles um die Digitalisierung von Verwaltung und Staat, Städten und Gemeinden dreht (Disclaimer: Mein Arbeitgeber Bitkom veranstaltet die zusammen mit der Messe Berlin). Und konnte mich daher nicht so um diesen kleinen Tech-Newsletter kümmern, wie er es verdient hat.

Also kein Cyberangriff auf meine kleine Text-Manufaktur - die ist auch nicht so ferngesteuert wie die Kühlschränke in französischen Supermärkten, die man offenbar aus der Ferne steuern kann. Passt aber auch gut zum gestrigen Tag der SCCON, das war nämlich erstmals ei Resilience Day, bei dem es um die Resilienz von uns allen (oder: Gesellschaft, Wirtschaft und Staat) gegen all das ging, was wir inzwischen unter dem Begriff “hybride Angriffe” zusammenfassen. Denn was da in der digitalen Welt passiert, hat ziemlich konkrete Auswirkungen auf unsere physische Realität. Sei es verdorbene Frischware oder sogar brennende Kühlgeräte oder eben die Zersetzung unserer Demokratie und unseres Gemeinwesens.

Aber wie auch auf dem Amt gilt: Am Ende kommen alle dran - und hier sogar voll digital. Deshalb jetzt sofort rüber zu den 10+ Links zu digitalen Disruptionen und analogen Absonderlichkeiten. Kommende Woche könnte es aufgrund der Herbstferien in Berlin eine Newsletter-Pause geben, deshalb sage ich vorsichtshalber mal nicht “bis nächste Woche”, sondern

Bis zur nächsten Ausgabe,

Andreas Streim

Ten news that fit to send

  1. The people holding up the internet: Die Technologie, die wir nutzen, basiert in ganz zentralen Punkten auf dem Werk von einzelnen Leuten. Die kaum jemand kennt. Allein deshalb ist dieser Text so lesenswert – aber er ist auch noch wunderbar aufbereitet, ein echtes Beispiel, wie man digital Inhalte vermitteln kann. “The tower is labelled 'all modern digital infrastructure' und it stands on one small block, 'a project some random person in Nebraska has been thanklessly maintaining since 2003'. We wanted to know how close to true it is.”

  2. The state of the tech industry in 2026: Die schriftliche Fassung der Keynote von Gergely Orosz bei der LDX3 in New York. Sein Befund zur Tech-Branche Ende 2026: Praktisch niemand schreibt mehr Code von Hand, 5–10 parallele Agenten sind bei den produktivsten Engineers Standard und im August schrieben erstmals mehr Agenten als Menschen sogenannte “Pull Requests” (also sowas wie Code-Änderungs-Vorschläge) auf GitHub. Was das zeigt? “Nothing has hit with the magnitude of AI. This is a whole size difference from anything that we've faced before.”

  3. What ArtCraft's Vibe-Coded Apps Say About Adobe: Und wenn sich die Software-Entwicklung so verändert, dann hat das nicht nur massive Auswirkungen auf die Beschäftigten, sondern auch auf die Unternehmen. Ganze Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand, etwa wenn ein Projekt die Adobe Creative Cloud per Vibe-Coding-Techniken als Open Source nachbaut. “Even if you don't end up using these tools, the techniques that these projects land on will ultimately inspire open-source projects that actually rely on craft.” Und dabei geht’s dem Aktienkurs von Adobe ohnehin schon nicht besonders gut (What $1,000 Invested in the World's Biggest Companies Five Years Ago Is Worth Today). Übrigens: Auch die Spieleindustrie muss vielleicht ganz stark sein (auch wenn es hier eher um alte Retro-Spiele geht): Neue Modelle dekompilieren alte Spiele in Tagen statt Jahren (AI is mass decompiling games. That's both awesome and scary.).

  4. It Ain't AGI Until H100s Go for $30 an Hour: Also Softwareentwicklung ist schon ein KI-Playground. Aber wie sieht es denn mit AGI aus - also einer Künstlichen Intelligenz, die allgemein menschenähnlich ist und uns in allen Bereichen aussticht. Schon da oder noch in den Startlöchern (oder kommt nicht)? Wie erkennt man das überhaupt? Der Autor hat eine einfache These: AGI erkennt man nicht an Fähigkeiten, sondern am GPU-Preis. Heute kostet eine H100-Stunde 3,52 Dollar, ein durchgehend laufender Opus-5.5-Agent 8,21 Dollar – sobald solche Agenten echte Jobs ersetzen könnten, die er mit einem Stundenlohn ab 35 Dollar ansetzt, treibt der Compute-Engpass den Preis auf mindestens rund 30 Dollar.

  5. Anthropic bans 'abusive or cruel behavior' toward Claude: Mal ehrlich: Wer hat seiner KI nicht schon mal ein paar klare Worte entgegengeschleudert, wenn sie partout nicht machen wollte, was doch so offensichtlich war? Oder sich in irgendwelchen endlosen Reasoning-Schleifen verloren hat? Klar, kommt vor. Wer aber wirklich richtig gemein und böse zu seiner KI ist, bekommt mit Antrhopic womöglich Probleme. Die neuen Nutzungsrichtlinien sehen vor: Dauerhaft grausames Verhalten gegenüber Claude kann nun zum Abbruch des Dialogs führen. “But one of the most significant changes prohibits "sustained and needless abusive or cruel behavior" toward Claude.” Aber wie ist es eigentlich umgekehrt, wenn sich die KI uns gegenüber nicht, ähem, ordentlich verhält - und etwa falsche Hinweise an die Polizei gibt (Police Furious After an Anthropic AI Model Submitted a Bogus Tip About an Unsolved Murder, Posing as a Person Who Might Have Information About the Case).

  6. Weibliche KI-Agentinnen „verdienen“ weniger: Die KI ist eben doch nur so gut wie die Welt um sie herum. Eine Studie ließ 189 Leute 30 Minuten in einem Virtual-Reality-Büro mit KI-Agenten zusammenarbeiten und dann 4 Schweizer Franken zwischen sich und der KI „fair“ aufteilen – der weibliche Bot „Johanna“ erhielt rund 10 Prozent weniger als ihr männliches Pendant „Johan“, obwohl die Technologie dahinter identisch war. “Wir denken oft, dass KI neutral ist. Aber die Art, wie wir diese Systeme gestalten und präsentieren, kann genau jene Annahmen und Vorurteile aktivieren, die auch unsere Interaktionen mit anderen Menschen prägen”, so ein Studienautor.

  7. Open models have real benefits. Do they outweigh the risks?: “MIT Technology Review” versucht einen Überblick über die Debatte zwischen offenen und geschlossenen KI-Modellen zu geben. Hintergrund ist Anthropics Warnung vor dem frei herunterladbaren GLM-5.3. Während offene Modelle Forschung, Kosten und Dezentralisierung Vorteile bringen, warnen Skeptiker vor leichter Missbrauchbarkeit (und Anthropic gerade vor sich selbst reproduzierenden KI-Würmern, die auch auf Smart-TVs oder intelligenten Toastern (oder so) laufen könnten (Anthropic warns small AI models could self-replicate through IoT devices)). Aber zurück zum Kosten-Thema, das zu echten Verwerfungen auf dem KI-Markt führen könnte, folgt man diesem Text (Chinas KI-Kampfpreise setzen OpenAI und Co massiv unter Druck). Und das ist jetzt nicht nur ein Problem für einzelne Unternehmen (Threat of AI share crash puts world financial stability at risk, says IMF). Wobei offene Modelle womöglich nicht mehr so ein Wir-hier-China-da-Thema ist, denn es gibt auch nicht-chinesische offene Modelle (Reflection AI unveils an open-source Western answer to Chinese labs).

  8. Microsoft makes 'biggest bet yet' on its own silicon, unveils new AI chip to reduce reliance on Nvidia: Allerdings gibt es nicht nur “Oh, der Markt wackelt”-Meldungen. Microsoft kündigt mit Maia 300 die dritte Generation seines eigenen KI-Chips an – ab 2027 soll er die meisten KI-Dienste des Konzerns antreiben und die Abhängigkeit von Nvidia reduzieren. Azure-Chef Scott Guthrie verspricht: Maia werde “the primary AI inference system for Microsoft products and services”.

  9. Eyebrows Raise When Elon Musk's Twitter Engagement Shrivels After Destruction of Russian Data Centers: Also diese ganzen Bot-Netze, Deepfake-Creator und Fakenews-Spreader müssen ja irgendwo herkommen, oder? Aber man weiß ja gar nicht, woher, oder? Oder? Nun ja. Nach den ukrainischen Drohnenangriffen auf Yandex-Rechenzentren brach die Bot-Aktivität weltweit messbar ein. Lustiger Funfact: Auch Elon Musks Engagement auf X fiel von zuvor 17.000 bis 81.000 Likes täglich auf 11.000 und 8.000, eine echte Kausalität ist nicht belegt. Aber man kann schon sagen: “A lot of people noticed it, and there was less hate, less division and fewer provocations because there were fewer bots. And it's pretty clear where those bots were coming from.”

  10. Audible setzt im Wettbewerb mit Spotify auf interaktive KI-Funktionen: Wer kennt es nicht: Man ist so tief in einem Buch drin, dass man gar nicht aufhören will, zu lesen, oder gerne mal wissen würde, warum die Hauptperson diese bekloppte Entscheidung getroffen hat. Bitteschön, soll bald gehen. Audible rüstet gegen Spotify auf: „Character Guide“, „Interactive Story“ und „Visual Explorer“ sind in einer begrenzten Beta in den USA und Großbritannien verfügbar, Deutschland soll bis Ende des Jahres folgen. Die KI bleibt dabei bewusst innerhalb eines vorgegebenen Handlungsrahmens – vollständig KI-generierte Geschichten gibt es nicht. Aber wo wir gerade bei KI-generierten Geschichten sind: Character.AI ist jetzt offiziell pleite (Just 5 years in, interactive chatbot platform Character.AI files for bankruptcy).

Undisruptable Technology im Bild

Der chinesische Roboterhersteller AgiBot hat mehr als 300 autonome humanoide Roboter in einen Vergnügungspark geschickt, angeblich das öffentliche Deployment dieser Art. Die Roboter interagieren dabei mit Familien , spielen Tischtennis oder checken Hotelgäste ein. Warum? “The problem is that you can't fully validate robots in a lab. You need chaotic, unscripted human environments. And there's no environment more chaotic than a resort packed with tens of millions of visitors a year, like the one at the Chimelong park. This kind of large deployment puts Beijing way ahead—once again—in the race to control the next big industrial revolution of this century.” Sehr viel mehr dazu steht hier: Hundreds of robots are roaming this Chinese theme park. It's only the beginning of our humanoid future. Und die Website von AgiBot lohnt sich echt auch.

Und zuletzt...

Wer gerne schon mal ein Feind, äh, Entschuldigung EIN FEIND!, der Vereinigten Staaten werden wollte: Nie war es einfacher als heute. Man muss einfach AI sagen. Wahrscheinlich geht für deutschsprachige auch KI. Denn Donald Trump hat wirklich gesagt, wer sich der von ihm dekredierten Umbenennung der Technologie nicht anschließt sei “the enemy”. Äh, nein, natürlich “THE ENEMY!”. Kann man hier nachlesen.

Puh, möchte ich diesen netten Newsletter mit so einem Bullshit, äh, BULLSHIT! enden lassen? Eher nicht. Deshalb nochmal zu was wirklich schönem: Beauty in DVD Menus. Ehrlich gesagt habe ich über DVD-Menüs noch nie so richtig nachgedacht. Oder darüber, dass es eine völlig verschwundene (digital disruptierte) Kunst ist. Beziehungsweise war. Deshalb hat mir der Text wirklich gefallen, eine Liebeserklärung an die kreative Hochphase der DVD-Menüs – von Tinkerbell bei Disneys FastPlay bis zu den versteckten Mini-Spielen auf der Scooby-Doo-2-Disc.

Zu alt, zu wenig interaktiv? Na gut, einen hab ich noch: DishwasherBench. Wer in seinem echten Leben nicht genug Geschirrspüler einräumen kann (entweder im Bitkom-Büro nachmittags um 17 Uhr vorbeischauen und ans Geschirr-Puzzle gehen oder) hier mal bei einem Benchmark-Projekt mitmachen, das Sprachmodelle und Menschen im Browser gegeneinander Spülmaschinen beladen lässt. Simuliert wird eine echte Bosch SMV4HAX40G mit Eco-50-Programm samt Wasserstrahlen, Tropfen und Spülmittelchemie. Und die KI schlägt sich nicht schlecht: “Neither model made the mistake the levels are built around. No hollow piece was stood mouth up or laid on its side in six episodes, and what the models loaded came out 84 to 100 % clean.” Also ganz ehrlich, so lange es ChatGPT & Co. nur besser wissen, wie man einräumt, anstatt es selbst zu tun, dürfte es mehr Unfrieden im menschlichen Haushalt stiften als Hilfe sein.

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