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October 2, 2026

Ein Dot hier, 'ne Muse da [Undisruptable Technology #320]

#320, 2. Oktober 2026

Guten Morgen,

morgen ist Feiertag und da dachte ich mir: Mal wieder Zeit für eine extralange Ausgabe „Undisruptable Technology“. Hintergrund ist, dass mit Metas Muse und OpenAIs „dots“ gleich zwei KI-Agenten gestartet sind, die eher auf den Massenmarkt als auf besonders tech-affine Nerds abzielen. Und dazu wurde so viel geschrieben, dass das einen eigenen Newsletter füllen könnte. Weil aber auch sonst noch wirklich interessante News und Gedanken rund um digitale Disruptionen und analoge Absonderlichkeiten reingeflattert sind, habe ich mir gedacht: Machen wir einen Themenblock (den auch alle, die eher keine Lust auf noch mehr KI-Agenten-Erzählungen haben, einfach überscrollen können) und danach die normalen „ten news that fit to send“. Voilà.

Sehr empfehlen kann ich heute die Bill-Gates-Email, die sich unter „Und zuletzt…“ findet. Schon ein paar Jahre alt, aber solche Usability-Höllen findet man immer noch. Auch bei einem großen Kabelinternet-Anbieter, den man wirklich dafür bewundern muss, wie gut man Support-Anfragen (in dem Fall: Internetstörung) wegblocken kann. Am besten hat mir der Chatbot gefallen, der einem eine Antwort gibt und dann mitnichten fragt, ob das geholfen hat, sondern lapidar erklärt: Damit sei das Problem gelöst und das Gespräch beendet. Die Aufforderung, zu einem Menschen durchzustellen, kennt er aber auch nicht. Ach ja, aber es gibt einen WhatsApp-Kommunikationskanal. Wirklich. Da bekommt man dann den Hinweis, es könne kurz dauern, bis sich ein Mensch meldet. Klar, kann man verstehen. Das „kurz“ waren dann ziemlich genau 24 Stunden. Auf WhatsApp. Aber immer noch schneller als ein Brief, so nämlich. Ob der CEO von dem Laden sein eigenes Produkt verwendet? Aber vermutlich wird er nicht die normalen Support-Kanäle nutzen, im Fall der Fälle. Und das, das zeigt zumindest Bill Gates, ist vermutlich der größte Fehler.

Bis nächste Woche,

Andreas Streim

Thema: Die KI-Agenten sind da

  1. Zuckerberg's AI Muse Charm Could Be Meta's iPod Moment: Facebooks KI-Assistent Muse ist außerhalb Deutschlands ja schon nutzbar, aber es ist halt nur Software. Jetzt kommt ein knuddeliges Tamagotchi dazu. Oder wie der Bloomberg-Kolumnist es sieht: ein möglicher iPod-Moment für Meta: "Today, by refining the technology and adding some consumer-friendly touches, Muse is to AI agents what the iPod was to MP3 players: A stylish and innovative recasting of an existing technology so it struck a chord with everyday people. The rewards for reaching the non-nerds could be enormous." Ich sage mal vorsichtig: I am not convinced. Andere befassen sich auch mit dem Gadget, zum Beispiel hier (It's cute. It's cuddly. And it wants your data.) und hier (Meta Debuts a Dedicated, Palm-Sized 'Charm' Device to Use Muse on the Go).

  2. Introducing dots: Aber Muse ist längst nicht der einzige KI-Agent, der es auf die breite Bevölkerung abgesehen hat. OpenAI hat auf dem DevDay seine eigenen, stets aktiven Agenten „dots“ vorgestellt. Dahinter stecken jeweils eigene Cloud-Computer, mit GPT-6 Astra betrieben und über 4.000 (möglichen) App-Anbindungen; verfügbar in ChatGPT und via Slack/Teams, und mehr noch: „Teams of Dots“ sollen künftig gemeinsam arbeiten: "Dots are frontier intelligence that have your back. (…) learn from feedback over time, and can work towards your goals 24/7."

  3. Meta Tests Muse AI Agent Calls That Are Actually Made By Humans in a Call Center: Allerdings ist nicht jedes KI-Versprechen bei KI-Assistenten so ganz valide. Das KI-Call-Feature von Metas Muse nutzt zum Beispiel offenbar (zumindest: auch) trainierte menschliche Callcenter-Agenten, wenn Anrufe nicht per KI abgeschlossen werden.

  4. Meta Muse AI reportedly read Mac Messages without consent: Und auch sonst klingt es ja toll, dass man einen KI-Agenten mit 4.000 oder irgendwas Apps wie Mail, Messenger oder Cloud verbinden kann. Aber Metas KI-Agent Muse hat laut diesem Text 187.000 Zeilen aus Apples Messages-Datenbank synchronisiert und hochgeladen, obwohl der Nutzer keinen Zugriff erlaubt hatte: "He had not given Muse permission to access Messages, and full disk access was not enabled. It just went ahead and uploaded those texts anyway. Muse can take 'unexpected actions' indeed."

  5. I asked Meta's Muse for its filesystem and it sent me 6.8 GB: Und auch sonst scheint das Sicherheitsthema noch nicht so ganz komplett durchdacht und umgesetzt. Ein Sicherheitsforscher brachte Metas KI-Assistenten Muse per Konversation dazu, 6,8 GB interne Runtime-Dateien rüberzuschicken. "It appeared to contain the root filesystem of the Linux environment assigned to my session, including Ubuntu system files, Muse's internal documentation, integration code, app templates, memory files, and agent logs. There were also SSH key files." Irgendwie ja eine Form von Transparenz, aber dennoch…

  6. There are no "rogue" AI agents: Und wenn man über KI-Agenten spricht, dann kann man das Thema von den „aus dem Ruder gelaufenen“ Agentenschwarm natürlich nicht ignorieren. Der Autor widerspricht hier der Erzählung von eigenmächtigen „Schurken-KIs“: KI kann weder denken noch eigenständig handeln, und genau diese Vermenschlichung helfe Unternehmen wie OpenAI, Verantwortung abzugeben: "AI cannot think for itself, nor can it take independent actions. But anthropomorphizing language suggesting it can is how the technology is described. While this makes sense—humans relate best when we can see ourselves in mystery—it's not useful. By giving AI agency it can't claim, we've turned it into a sentient being made of code, one that has hopes, desires, and the capability of deceit."

  7. AI agents have a normal-people problem: Und am Ende stellt sich die Frage: Lösen die KI-Agenten wirklich die Probleme der Menschen, oder wenigstens: vieler Menschen? Es gibt zumindest Zweifel. "The big roadblock is that most Americans don't use AI chatbots, let alone agents." Demnach würden nur 13 Prozent einem "AI helper" Zugriff auf ihr Postfach geben und nur 7 Prozent eine Geldbewegung erlauben. "Agentic AI might well be transformative someday — but, for right now, it seems like it'll most impact people who have used the phrase 'inbox triage' and feel overwhelmed by Google Calendar notifications."

  8. AI 101: Explaining AI to anyone: Und ganz zum Schluss noch eine echte Leseempfehlung für ganz Grundsätzliches: „Axios“ erklärt LLMs, Agenten, Alignment, Halluzination, AGI und RSI für Normalsterbliche: "We built a machine we don't fully understand. This is not a disputed point." Und zur Entwicklung: "It's been all gas, no brakes, with little public discussion about the consequences until very recently." Der Rat am Ende: "Don't protest AI by refusing to use it. Figure out how to best use AI for your specific job and passions."

Ten (more) news that fit to send

  1. The AI Race Just Got Awkward: Wer sich mit KI beschäftigt, hat schon mal von den (vermutlich berechtigten) Klagen der US-Frontier-Anbieter gehört, die chinesische Wettbewerber beschuldigen, einfach Antworten ihrer Supermodelle abgegriffen zu haben statt selbst zu entwickeln. Ein bisschen seltener wird darüber gesprochen, dass auch die US-Labs gerne chinesische Durchbrüche bei sich einbauen (wobei das tatsächlich etwas anders gelagert ist, weil die Chinesen ihre Erkenntnisse öffentlich verfügbar machen). In dem Text geht es um DeepSeeks KV-Cache-Optimierung, die deutliche Preissenkung ermöglicht hat: "So the Chinese labs have thrown a lifeline to the Western loss-making labs, and I just have no clue as to why."

  2. Google's first Suncatcher orbital data center test launches October 1: Rechenzentren im Weltall, auch so eine Science-Fiction-Idee. Zumindest bis gestern. Da sollte Googles erster Orbital-Test eines Solarkraftwerk-Datenzentrums starten. Der Satellit ist so groß wie ein Kühlschrank: "Inside, it has four of Google's custom TPU AI accelerators".

  3. Russia targeting 'ordinary life' with attacks on Ukraine's data centres: Mit Blick auf Rechenzentren lohnt sich auch ein Blick auf den inzwischen ziemlich aus der Aufmerksamkeit verdrängten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Dort weiten die Russen offenbar die Angriffe gezielt auf Rechenzentren und Internetanbieter aus. "All this affects people's ability to stay connected, study, work. ... The Russians are constantly expanding their escalation operation: American and other businesses, data centres, internet providers – for Russia, all ordinary life is simply a target."

  4. Robots make combat airdrops, clear mines as Ukraine defeats Russian pincer: Umgekehrt nutzt das ukrainische Militär Roboter, um mit möglichst geringen eigenen menschlichen Verlusten die Verteidigung zu halten. Das liest sich auch ein bisschen wie einer dieser Blockbuster-Filme mit dystopischem Einschlag: "Ukraine's military robots are dropping from heavy drones in airborne assaults behind Russian lines as other robots clear mines ahead of advancing Ukrainian infantry."

  5. 500 dramas a day: China's AI factory is churning out titles at an alarming rate: Da doch lieber mal schnell zu was Unterhaltsameren - oder doch nicht? Chinas KI-Fabrik produziert Mikro-Dramen im industriellen Maßstab: "A new AI-generated micro-drama went live on a Chinese streaming platform every 90 seconds in January 2026." Im März kamen rund 50.000 KI-Titel allein auf Douyin hinzu; die Branche soll 2026 umgerechnet mehr als 16,5 Milliarden US-Dollar umsetzen – mehr als die chinesischen Kinos. Wer diese krassen KI-Film-Zahlen lieber im chinesischen Original lesen möchte - hier entlang.

  6. DrivingBench: Aber es muss ja nicht nur Soap-Opera per KI sein, wie wäre es mit einem KI-Chauffeur? Ein neuer Benchmark stellt die Frage, ob Frontier-Modelle ein echtes Auto fahren könn(t)en: "We give them control of a Toyota Corolla's steering, accelerator, and brakes, then evaluate them on a fixed cone course." Bis zu drei Versuche in einem durchgehenden Chat, inklusive Trace- und Video-Inspektion. Aber auch wenn LLM da vielleicht noch nicht so gut abschneiden (mal ehrlich, ist ja auch nicht ihr Job), selbstfahrende Autos sind möglicherweise doch besser als (viele) Menschen: Waymo's Latest Safety Numbers Sure Make Human Drivers Look Bad.

  7. DoorDash expands menu of delivery options with custom-built drone: Von der Straße in die Luft (wer denkt da nicht an das Fliwatüt?). DoorDash liefert jetzt, zumindest in einer Pilotregion in Nordkalifornien, mit einer eigenen Sechs-Propeller-Drohne aus. Aber es geht am Ende um mehr. "DoorDash's bet isn't on any single robot or drone. It's that the delivery network of the future will use all of them — and DoorDash will decide which one is assigned to bring your dinner."

  8. Watch Trump's new chatbot debunk his lies: Die Überschrift ist schon wieder so negativ. Aber bevor wir dazu kommen: America.gov ist eine tolle Idee. Eine so simple Weboberfläche wie es Google mal war. Eine Eingabezeile, eine Frage, und die KI gibt der Bürgerin oder dem Bürger valide Auskunft mit Links, wie und wo das Anliegen erledigt werden kann. Kurz: Dem "endless maze of tens of thousands of terrible government websites" ein Ende setzen. Warum gibt es so einen One-Stop-Shop für Fragen an den Staat nicht hierzulande? Und jetzt die etwas lustige Geschichte drumherum. Der Chatbot hat auf Fragen zu manchen, ähem, wahrheitsgedehnten Trump-Aussagen auch gerne echte Fakten geliefert. Dann wurde ihm das verboten, jetzt wieder erlaubt.

  9. Singapore's govt dating app runs on a Nobel Prize-winning game theory algorithm: Und wo wir gerade bei nützlichen staatlichen Angeboten sind, die es hierzulande nicht gibt. Singapur hat eine staatliche Dating-App herausgebracht: FirstDate. Sie setzt, wie der Artikel berichtet, auf den Gale-Shapley-Algorithmus, ein nobelpreisgekröntes Verfahren, das auch Krankenhaus-Vergaben und Nieren-Tauschbörsen steuert. Die App richtet sich nur an Bedienstete im öffentlichen Dienst in einem bestimmten Alter, hat aber ein in der Internetwirtschaft ungewöhnliches Ziel: "Commercial apps need you to keep swiping but this app is designed to get you off the platform. Singapore built the first dating app whose success metric is deleting its own users."

  10. The last time my family was replaced by technology: Und dann doch nochmal was zum KI-Thema, mit einem interessanten Blickwinkel. Der Autor Manuel Darcemont erzählt, wie sein Ururgroßvater vom Hufschmied zum Mechaniker wurde – und was das für den KI-Wandel bedeutet: "In the end, and maybe after a long stretch of grief at trading his horses for engine grease, he kept his purpose: helping people get around. He just changed the technology, going from horses to engines." Allerdings kann man das alles auch kritischer sehen: Im Essay „Commodified Intelligence“ geht es darum, wie KI intellektuelle Arbeit zur Ware macht und Menschen ersetzbarer macht. "The risk isn't that the AI bubble is going to crash the markets, it's that we'll enter a world in which the value of human intellectual labor will rapidly go down to minimum wage (or worse). ... If intelligence, and raw problem solving has been commodified, you really don't rely on human labor anymore. All you need is raw capital, and some sort of vision of what you want." Sagen wir mal so, wenn das zutreffen würde, könnte es der Anfang einer Utopie oder einer Dystopie sein. Kommt eben immer ganz drauf an, was man daraus macht.

Undisruptable Technology im Bild

Grafik: The plunging price of thought

Das ist eine spannende Grafik: Unter dem Titel „The plunging price of thought“ hat Epoch AI den rapide sinkenden Preis des künstlichen Denkens gemessen: "The cost of achieving a given level of AI performance has fallen about 47% per quarter since 2023, or 13× per year." In unter 18 Monaten ein 725-facher Preisverfall oder wie es in dem Text heißt: "like the sticker price on a new car falling from $50,000 to $69". Man kann da manchmal ein anderes Gefühl bekommen, wenn man aus Versehen Opus irgendwas statt Deepseek losgeschickt hat und dann die Token-Rechnung bekommt, aber das liegt dann eher daran, dass man halt deutlich mehr Leistung verwendet.

Und zuletzt...

Was passiert eigentlich, wenn der Chef mal die Produkte des eigenen Ladens ausprobiert? Meistens nichts Gutes. Aber vielleicht zumindest was sehr Lustiges. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass jede Microsoft-Nutzerin und jeder Microsoft-Nutzer das nachvollziehen kann, was in der Geschichte „Bill Gates tries to install Movie Maker“ und dem daraus resultierenden Mailverkehr berichtet wird. Die interne Microsoft-Mail vom 15. Januar 2003 fasst Gates selbst am Ende so zusammen: "So after more than an hour of craziness and making my programs list garbage and being scared and seeing that Microsoft.com is a terrible website I haven't run Moviemaker and I haven't got the plus package. The lack of attention to usability represented by these experiences blows my mind."

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