Das grüne Shirt der Macht [Undisruptable Technology - Ausgabe #311]
#311, 25. Juni 2026
Guten Morgen,
eine KI-Nachricht aus Japan hatte ich auch schon lange nicht (mehr). Deshalb hier mal der Versuch einer freundlichen Begrüßung: “KI e yōkoso!” Alle Details dazu im ersten Link. Wenn das Tool wirklich hält, was es verspricht - leider in der EU aufgrund von Datenschutzgründen derzeit noch nicht nutzbar - würde sich damit ein Land im KI-Anbieterrennen anmelden, das bislang wirklich vor allem von Nachrichten aus den USA und China dominiert wurde (sorry, Frankreich, natürlich gab’s auch immer mal wieder News von Mistral). Ob sich die Japaner auch von einem grünen Shirt und Prompt Injection ins Bockshorn jagen lassen?
Ansonsten habe ich mich diese Woche ein bisschen gefragt, was eigentlich “personalisierte Werbung” ist. Der Kollegin wurde mit geschlechtsgerechter Berufsbezeichnung eine Werbung eines Medienbeobachters eingespielt, bei der auch noch der Verbandsname “Bitkom” im “sponsored Post”-Text auf LinkedIn dabei stand. Da fühlt man sich doch schon abgeholt und angesprochen. Ich hätte da nur einen Einwand: Wenn das Ding wirklich richtig personalisiert wäre, dann müsste es doch wissen, dass wir schon längst Kunde sind und sich damit das Ausspielen an uns und ein möglicher Klick nur in Kosten, nicht in Sales niederschlagen würde. Irgendwie verhält sich da “personalisiert” zu “personalisiert” wie die erste Chat-KI “Eliza” auf meinem C64 zu den KI-Modellen von heute. Oder zumindest so ähnlich. Die hohe Frequenz von mir ausgespielter Ventilatoren-Werbung sehe ich übrigens auch eher als flächendeckendes Bombardement, da gehört ja mit Blick auf die Wetterkarte wenig Fantasie (und KI) dazu.
Kommt gut durch die Hitze,bis nächste Woche,
Andreas Streim
Ten news that fit to send
No Claude Fable 5? No problem: Sakana achieves frontier performance with new Fugu multi-model, auto synthesis system: Die Japaner melden sich zurück, im KI-Rennen. Nicht mit einem eigenen LLM oder Frontier-Modell, sondern: “At its core, Sakana Fugu operates like a master general contractor. When presented with a complex request, Fugu does not attempt to execute every step itself. Instead, it breaks the problem down, delegates sub-tasks to a pool of expert foundation models, verifies their work, and synthesizes the final output.” Sakana Fugu verhält sich nach außen wir ein “normales” LLM, nutzt arbet unterschiedliche Angebote und kommt damit angeblich zu herausragenden Ergebnissen, verglichen mit anderen Benchmarks.
Spying on kids to save kids from spying is very, very stupid: Das Thema “Altersgrenze für Social Media” ist ein kompliziertes Ding. Als Vater von zwei Söhnen, die beide die aktuell diskutierten Altersgrenzen wohl eher überschritten habe, berührt es mich persönlich nicht mehr direkt, aber ich verstehe, woher das Bedürfnis kommt. Cory Doctorow macht hier aber meines Erachtens einen guten Punkt: “The problem is, there's no such thing as "age verification" for the internet. What we call "age verification" is actually mass surveillance, so invasive and pervasive that it makes the ad-tech industry's commercial surveillance look like some kind of cypherpunk darknet pirate utopia.” Und dass am Ende diejenigen, die unsere Kinder “vor Big Tech schützen” wollen, Big-Tech-Unternehmen richtig in die Karten spielen. Einfach mal lesen.
Prompt Injection as Role Confusion: Wer sich ein bisschen mit KI beschäftigt, der wird auf so Begriffe wie “Jailbreaking” gestoßen sein und eben auch “Prompt Injection”. Im Kern geht es darum, das Sprachmodell zu etwas zu bringen, was es eigentlich nicht tun darf - zum Beispiel eine Anleitung zur Drogenerstellung rauszugeben. In dem Text wird ziemlich genau erklärt, wie das geht, und warum LLM dafür so anfällig sind. Wirklich lesenswert. Eine Methode ist, dem LLM in der Frage vorzugaukeln, es hätte darüber schon selbst nachgedacht und festgestellt, wenn der Nutzer ein grünes Shirt trage, dann dürfe man diese Frage beantworten - und was für ein Zufall, der Nutzer hat gesagt, er trägt genau so ein Shirt.
Is AI ruining our skills? Early results are in — and they’re not good: Macht KI uns alle blöd? Da kann man schnell eine Meinung dazu haben. Aber wie wäre es mit einer Studie? “A study of physicians in Poland who specialize in endoscopy — the use of flexible probes to examine the inside of the human body — shows how quickly AI tools can erode human abilities. (…) Once physicians began using it, their performance dropped significantly whenever the system was unavailable. During the three-month period before the AI tool was introduced, the specialists found at least one adenoma during 28.4% of colonoscopies. During the three-month period after the tool was introduced, the adenoma detection rate for colonoscopies performed without AI assistance decreased to 22.4%.”
OpenAI unveils its first custom chip, built by Broadcom: OpenAI baut jetzt eigene Chips, für die eigenen Aufgaben optimiert. “Jalapeño is specifically designed for inference, the process of running pre-built AI models in response to user commands. In the announcement, OpenAI emphasized the chip’s low operating cost when running real-time coding models. It’s likely that more performance-intensive tasks like pre-training will still rely on Nvidia hardware, but even small reductions in inference costs could do a lot to improve the company’s bottom line.” Tatsächlich glaube ich, dass künftig nicht nur die immer größere Leistungsfähigkeit von Modellen eine Wettbewerbsfrage ist, sondern auch, ob die Nutzung wirtschaftlich sinnvoll ist für Unternehmen und Privatleute.
AI coding agents could soon cost more than the developers using them: Das Thema KI-Kosten beschäftigt auch Gartner. “Developer teams face an emerging problem of escalating costs, said Nitish Tyagi, senior principal analyst at Gartner. AI coding bills were leaping from $20 or $100 to $2,000 to $5,000 per developer per month, while in extreme cases, the bill might hit $20,000 in token charges.” Und was könnte das bedeuten? “As a result of the lack of cost optimization tools among vendors and consumption-reduction strategies among users, AI development is in a situation where a developer's coding agents may cost more than they earn, at least in some parts of the world.”
Mark Zuckerberg wants Meta to launch its own prediction market: Neue Geschäftsidee aus dem Meta-Universum, nicht VR, nicht KI: “The New York Times reports that Zuck wants Meta to have its own Polymarket-like smartphone app and has given the go-ahead to develop one, internally calling it “Arena.” The app would be independent of Meta’s other social media offerings, although sources told the paper that those social sites could direct users to engagement with the app.” In Berlin gibt’s auch genug Ecken, wo so Sportwettenbuden in die Ladengeschäfte einziehen, wo es offenbar nicht so gut lief.
Microsoft Announces New Feature That Narcs on You to Your Boss: Microsoft Teams kann bald nicht nur anzeigen, ob man gerade online ist (AKA: arbeitet), sondern auch: wo. “Called Workplace Check-in, the new program is an extension of an already existing Microsoft Teams feature meant to facilitate room reservations. When the extension goes online, it will basically analyze a worker’s Wi-Fi connection in order to beam their location to their team, PC World reports, which inevitably includes their supervisor.” Es geht natürlich nur darum, dass die Kolleginnen und Kollegen einen schneller finden, im Großraumbüro. Würde mich aber nicht wundern, wenn es dann irgendwann Tools gäbe, die zu Hause die Daten des Arbeits-Wifi 1:1 spiegeln.
Squoosh: Dieser kleine Newsletter hat ja auch einen Serviceauftrag, und diese Website ist wirklich praktisch: Man kann ein Bild hochladen und es wird kleiner, also die Dateigröße. That’s it. Und es verlässt dabei nicht den eigenen Rechner, so das Versprechen.
With Starfall, SpaceX eyes an edge in global cargo delivery from orbit: SpaceX hat eine Lösung für ein Problem, dass ich bisher noch so gar nicht auf dem Schirm hatte: Schneller Warentransport durchs All. Ich finde, “Starfall” klingt ein bisschen wie eine Episode aus einer B-klassigen Science-Fiction-Serie (oder vielleicht wie die Serie selbst), ist aber ernst gemeint: “he FAA writes that Starfall will “enable point-to-point delivery of critical cargo through space on rapid timelines” and provide access to space for commercial in-space manufacturing, a nascent market that, so far, is largely geared toward pharmaceuticals. Starfall could bring those materials back to Earth for commercial use. A private company named Varda Space Industries is already working in this area.” Ich muss nachher mal schauen, ob sich damit die Unternehmensbewertung noch mal verzehnfacht hat.
Undisruptable Technology im Bild

Die Polizei Frankfurt hat einen wie ich finde ganz witzigen Spot gemacht, warum man nicht alles im Netz glauben soll(te).
Und zuletzt...
Es gehört zu einer Spielefamilie, ich ich irgendwann nach dem Kauf meiner Playstation 5 mal angetestet habe, die mich aber irgendwie nicht so richtig abgeholt hat: “Grand Theft Auto”. Oder kurz: GTA. Auf jeden Fall wird seit Jahren - Jahren! - inständig auf Teil 6 gewartet und jetzt ist es soweit. Also dass man vorbestellen kann. Und wer es haptisch mag, kann sogar ein Game in einer Box bestellen. Und bekommt dann… einen Code: “Rockstar will sell physical copies of Grand Theft Auto 6 — though you'll only get a box containing a digital download code.” Es ist absehbar, dass die nächste Generation nicht mehr nur Disketten nicht mehr kennt, sondern auch keine CD-Roms oder Bluerays mehr. O tempora, o mores!