Also ich kann hier kein Foul sehen [Undisruptable Technology - Ausgabe #313]
#313, 10. Juli 2026
Guten Morgen,
manchmal fragt man einfach zu früh. Zum Beispiel hat mein Arbeitgeber Bitkom die Menschen in Deutschland gefragt, wie sie es denn mit KI im Fußball halten - natürlich vor der WM. “Fast jede und jeder Fünfte (19 Prozent) [kann sich] vorstellen, dass technische Hilfsmittel in 10 Jahren menschliche Schiedsrichter im Fußball komplett ersetzen werden”, ist dabei rausgekommen. Das war noch vor dem “Vollskandal” (Ex-Nationaltrainer Nagelsmann) unserer Elf gegen Paraquay, dem “manipulierten” (ganz Ägypten) Spiel der ägyptischen Mannschaft gegen Messi und 10 andere Spieler aus Argentinien oder der Schiedsrichteransetzung von Frankreich gegen Marokko, in dem erstmals alle “Unparteiischen” aus einer Nation stammen - und zwar aus: Argentinien. Deren Team, ups, auch noch im Rennen ist.
Jetzt kann man natürlich fragen: Wäre eine KI besser? Technisch ließen sich womöglich viele Entscheidungen einheitlicher und nachvollziehbarer treffen. Aber bei einem Turnier in den USA mit dieser Fifa würde ich mal vermuten, dass das eingesetzte Modell Grok-irgendwas wäre, die Entscheidungen exklusiv 2 Sekunden vor Verkündung im Stadion auf X und “Truth (sic!) Social” rausgehauen werden und mit einem “Gefällt mir nicht”-Button auch direkt wieder eingezogen werden, wenn der Absender eine Goldener-Haken-Verifizierungsbadge hat. Also im Endeffekt wäre es genauso wie jetzt, nur mit Technologieeinsatz statt analoger Korruption Interessensbekundung. Nur sympathischer käme selbst die dunkelste KI mit Sicherheit rüber als die aktuellen Fifa-Funktionäre. Und man müsste sie nicht aufwändig mit dem Privatjet von Stadion zu Stadion fliegen.
Aber was rege ich mich überhaupt auf? Als das beliebteste Fußball-Videospiel noch den Titel “Fifa” hatte, haben sich viele Menschen über das schreckliche und immer mehr zunehmende “Pay-to-win” als Spielprinzip beschwert. Endlich ahmt die Realität mal ein Videospiel nach und nicht umgekehrt.
Und noch eine Quizfrage: Wie viele Patientinnen und Patienten hatte das Kreiskrankenhaus Emmendingen in den vergangenen 24 Jahren? Na? Ich löse auf: So ungefähr 135.000. Das weiß man, weil es jetzt in der "Badischen Zeitung" stand ($Paywall) Die Klinik hatte nämlich mitgeteilt, dass es eine kleinere Datenpanne gegeben habe. Ein Redakteur vor Ort hat mal das gemacht, was gute Journalisten machen: nachgefragt. Und da kam dann diese Zahl. Man hat die Liste mit Namen, Geburtsdatum und allem, was dazugehört, inklusive Datum des letzten Krankenhausaufenthalts in eine txt-Datei gepackt und per Mail verschickt. Es wird nicht ganz klar, wer der Empfänger des Datenpäckchens sein sollte, auf jeden Fall kam es zu einem Tippfehler und jetzt liegt alles in einem Mailpostfach bei Google, dessen vermutete Besitzerin verzweifelt gesucht wird. Also, wenn Sie eine Gmail-Adresse haben, schauen Sie doch mal kurz nach - aber bitte nicht rein. Und als kleine Praxishilfe für den Alltag, auch wenn man selbst jetzt gerade kein Krankenhaus betreibt: Falls mal wieder jemand fragt, ob man Daten wirklich unbedingt per Cloud-Speicher und Passwortschutz transferieren muss (wenn man solche Datensätze überhaupt versenden muss), dann hat man jetzt zumindest ein Argument mehr für den umständlichen Weg. Denn a) kann man dann nachvollziehen, ob die Daten vielleicht schon runtergeladen wurden und b) vor allem einfach das Passwort ändern oder die Datei löschen. Lohnt sich auch für deutlich sensiblere Daten (und für so sensible gibt es auch noch bessere Wege, keine Frage).
Ich wünsche spannende Viertel-, Halb- und Ganzfinale bei der Fußball-WM, aufregende Trinkpausen und bis dahin viel Spaß mit den 10+ digitalen Disruptionen und analogen Absonderlichkeiten dieser Ausgabe.
Bis nächste Woche,
Andreas Streim
Ten news that fit to send
GitLost: How We Tricked GitHub’s AI Agent into Leaking Private Repos:GitHub hat KI-Assistenten. Tolle Sache. Das Problem ist nur, die müssen ja Zugriff auf die eigenen Dateien haben. Wenn man jetzt aber öffentlichen und privaten Code dort hat, dann kann es passieren, dass die KI Dinge ausplaudert, die sie nicht soll. Das Projekt mit dem Titel “GitLost” reicht dabei m.E. weit über GitHub hinaus. KI-Agenten sind ein bisschen wie sehr einfältige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bei denen man nicht weiß, zu was die sich von Fremden überreden lassen. Oder: “GitLost perfectly illustrates one of the fundamental security challenges every organization faces with agentic AI systems. The agent’s context window is also its attack surface. Any content the agent reads, whether issues, pull requests, comments, or files, can be weaponized if the agent treats that content as instructional input.”
Nach GPT-4s Rekord-Dominanz wechselt die KI-Spitze inzwischen alle paar Wochen: Die Entwicklung eines neuen Spitzen-LLMs dauert lange und kostet wahnsinnig viel. Und der Vorsprung, den man damit erreicht, wird immer kleiner. Ein Diagramm zeigt, wie lange ein neues Spitzenmodell diese Position zuletzt verteidigen konnte: “Seit Claude 3 Opus im Februar 2024 GPT-4 ablöste, wechselte die Führung 17 Mal. Die mittlere Verweildauer pro Modell lag bei etwa sieben Wochen.”
Price per 1M tokens is meaningless: Apropos LLM. Wer sich ein bisschen intensiver mit verschiedenen Modellen beschäftigt wird unweigerlich auch zum Thema Kosten kommen - und da ist die zentrale Einheit “Kosten pro 1 Million Tokens”. Aber: Bringt das was? Zum einen wird ein Text von unterschiedlichen Modellen in eine unterschiedliche Zahl von Token zerlegt. Zum anderen aber vor allem auch: “If you’re using AI for serious work, chances are that most of your token consumption is spent on “thinking”, which is often hidden or obscured but billed at the same rate as visible output tokens. This technique can greatly improve output quality; however, the length of that so-called “chain of thought” can become the main factor influencing your overall cost of AI usage — and this can vary wildly.”
Meta Now Lets Anyone Use Your Instagram Photos In AI Images: Kurzer Zwischenruf: Wer ein öffentliches Instagram-Profil hat, dessen Bilder können jetzt von der KI genutzt werden. “Whether you want to design a custom event invitation, mock up a collaborative creative concept, or generate a personalized graphic, tagging a username lets Meta AI use public photos to build a visual that's ready to post," reads one of Meta's announcement blogs about the new AI tool.” Wer das nicht will: “Instagram users who want to stop others from using their public posts for AI images (without switching your account to private) must manually disable the options under the app's "Sharing and reuse" settings. However, turning off the setting only blocks future AI generations; any AI images already created from their content will remain.”
Kubernetes für den Krieg: Drohnen, KI für die Aufklärung oder autonome Waffensysteme: Der Krieg wird digital. Und das stellt manchen ITler und manche ITlerin vor moralische Fragen: Wie weit möchte ich an der Kriegsführung beteiligt sein? “Ein Cluster ist kein Waffensystem, eine REST-API auch nicht. Aber solche Bausteine können militärische Systeme vernetzen, Wartung planbarer machen und Einsatzbereitschaft erhöhen. Wie erkennt man als Entwickler, ob man noch allgemeine IT baut oder bereits Teil einer militärischen Wirkungskette wird?”
Honey, We Bought an AI Story: Man hört ja viel von den Problemen die Verlage mit KI-Texten haben. Hier beschreibt mal ein (sehr kleiner, sehr nischiger) Verlag, wie das in der Praxis aussieht. Und es zeigt vor allem, wie aufwändig es die Arbeit macht. “This scandal has stolen months of capacity, time, labour, money, and attention away from the genuine queer writers that we exist to support. It has forced us to treat the very new voices that we aim to platform with skepticism, putting an ugly and suspicious lens over our joyful volunteer enterprise.”
All Cars Sold in the EU Now Require a Camera Aimed at Your Face. It’s Still Not Clear Where That Data Goes: Ehrlich gesagt, ich wusste gar nicht, dass das künftig gilt: “Starting July 7, 2026, every new car sold in the European Union must include a driver monitoring camera aimed at your face. Glance at your phone, your kids in the back seat, or the radio for too long, and the car will flash a warning light and sound an alert.” Das Problem an der guten Idee: Die Leute sind mega genervt, weil es schon reicht, mal kurz das Navi zu bedienen oder auf das Radio zu schauen. Oder einfach nur so. Lustig auch: “"10 mins into driving, the distraction warning kicks in and tells you to take a break with an amber light on the instrument tablet and a loud bong. A big pop up message suggests you take a break. 10 mins later it does it again with a red light and loud bong. I found this incredibly distracting,” they said.” Ich habe im Auto sowas für die Geschwindigkeit, es piept, wenn man zu schnell ist (zum Glück nur einmal). Problem ist: Die Messlatte ist die automatische Verkehrsschilder-Erkennung. Und die ist… häufig nicht sehr gut (allein schon weil sie Zusätze wie 22-6 Uhr etc. nicht versteht).
The AI Superforecasters Are Here: Ein wirklich langer, aber auch wirklich ganz interessanter Text über den Bereich “Zukunftsprognosen”. Und ob die KI künftig die ganzen “forecast markets” dominieren wird. Mir war gar nicht klar, was für eine “Szene” es in diesem Bereich gibt. “The annual prediction market conference was earlier this month. This was the year prediction markets went from an obscure hobby to a multi-billion dollar industry; from semi-illegal to having the President’s son as an advisor. I can’t remember if anyone talked about any of that. It didn’t even register. All eyes were on the AI superforecasters. I met an AI superforecaster startup founder who told me his AI had turned $35 into $2 million on Kalshi over seven months. I met another who said they were beating the stock market by 25% with a market-neutral portfolio - of course this could be luck, but they’d beaten Kalshi and Polymarket by similar margins.”
Legendärer Amazon-Dienst wird nach 20 Jahren eingestellt: Sucht jemand ein Beispiel für digitale Disruption? Da wäre Amazon, die den Arbeitsmarkt revolutionierten wollten: “Amazon Mechanical Turk.
Der Dienst verbindet seit 2005 Auftraggeber mit Gig-Workern, die für Cent-Beträge Mikro-Tasks absolvieren. Dazu gehören so unterschiedliche Aufgaben wie das Kategorisieren von Bildern oder Produkten, das Moderieren von Kommentaren oder das Sammeln von Informationen aus dem Web. Amazon beschreibt die Arbeitskräfte als „weltweite Ressource“, die rund um die Uhr zur Verfügung steht und Aufgaben rasch bewältigt.” Und jetzt? Wird der Dienst eingestellt. Weil die Mikro-Arbeiterinnen und -Arbeiter selbst immer mehr KI für die Mini-Jobs genutzt haben. Und jetzt auch die Auftraggeber immer öfter gleich selbst auf KI setzen.Peter Thiel's "Secret Doomsday Society" Running Your Government Just Got Hacked, And Holy Shit.: Ich weiß gar nicht, warum mir diese News aus dem Juni durchgerutscht ist. Das liest sich auch alles wie eine Simpsons-Episode. Aber wenn der US-Präsident den Fifa-Oberkicker anruft um über eine rote Karte zu diskutieren, dann ist die Welt ohnehin weiter als jede Satire, warum dann nicht auch hier? “There is a room. It has existed for twenty years. In that room are the people who run your treasury, write your laws, build the AI that’s coming for your job, own the satellites over your head, and sell the surveillance software to the cops outside your door. You were never supposed to know the room existed. You were never supposed to know who was in it. You were never supposed to know what they talk about when the door is shut, and the recorders are off.” Aber wird das nicht zu ernst genommen, ist das nicht vielleicht nur Ironie? “ut irony is a luxury that depends on powerlessness. When a barista jokes about building a cult, it’s a joke. When a room containing a treasury secretary, an army secretary, the architect of the Supreme Court, and the world’s richest man workshops “It’s Fun to Be in Charge,” the irony curdles — because they’re the ones who actually get to find out. The joke lands for them precisely because, for them, it isn’t hypothetical.”
Undisruptable Technology im Bild
Ich finde es schon lustig, wenn ein Influencer in der “Trinkpause” eines WM-Spiels einen Werbespot bucht und dann über die Fifa herzieht (und nebenbei seinen eigenen Softdrink bewirbt). Am besten gefällt mir dabei übrigens: “Dem SPIEGEL verriet Maximilian Knabe übrigens, der kurze morgendliche Werbeslot im ZDF habe einen niedrigen bis mittleren fünfstelligen Betrag gekostet. Über den Inhalt des Spots hätten er und sein Team mehrere Wochen gebrainstormt. Der Dreh selbst habe nicht länger als zehn Minuten gedauert.”
Und zuletzt...
Digitale Technologien bestimmen unseren Alltag - eine schöne Stanze, für mich trifft der Satz trotzdem auf jeden Fall zu. Aber wenn man mal genau hinschaut, da ist es mit der echten Hilfe im echten Alltag immer noch nicht so weit her. Ja, Staubsaugerroboter haben sich erstaunlich schnell durchgesetzt und den möchte ich nicht mehr missen. Der Fensterputzroboter ist eher so die Nöl-Kaffeemaschine mit Wischlappen: während die Kaffeemaschine ständig gereinigt, nachgefüllt oder entkalkt werden möchte, muss man den Wischrobbi händisch zu jedem einzelnen Fenster tragen, anbringen, starten und gerne auch mal nachsteuern. Kann man dann auch gleich selbst machen. Und den Müll muss man ohnehin noch selbst runtertragen.
Aber jetzt kommt eine Ankündigung, die wäre doch wirklich toll: “Wäsche zusammenlegen und aufräumen: 8.000-Dollar-Roboter Isaac 1 soll dir den Haushalt erledigen.” Ok, 8.000 Dollar ist jetzt noch ein bisschen teuer. Aber der Preis wird ja dann bestimmt sinken, siehe Saugroboter. Und nicht nur Wäsche zusammenlegen, nein: “Neben dem Wäsche-Falten soll Isaac 1 auch das Wohnzimmer aufräumen, Kissen zurechtrücken oder das Bett machen.” Also wenn man sich das verlinkte Werbevideo anschaut, dann geschieht das alles in Zeitlupe, aber, hey: Kann Isaac ja machen, während man sich mit anderen Dingen beschäftigt.