50 // für das leben
Der Titel dieses Newsletters hätte auch “krankheit und berliner linkspartei” lauten können. Aber es sind zwei Abschnitte und ich wollte ein missverständliches Mashup in der Wahrnehmung vermeiden, denn Krankheit ist wirklich keine gute Metapher. Deshalb: oben malade, unten was andres schwieriges.
Während es draußen dunkler und gleichzeitig bunter wird, Kürbisse im Dutzend zu Suppen verkocht und ein paar mickrige Pilze dem Wald entwunden werden, erklärt in schöner Tradition die Ständige Impfkommission (STIKO) wer grad noch geimpft werden sollte gegen eine Krankheit, die uns vor gar nicht allzu langer Zeit im Wortsinne den Atem zu nehmen drohte, inzwischen aber weitestgehend aus dem Bewusstsein verschwunden ist.
Wie auch bei der Grippeimpfung scheint die STIKO mit ihren Empfehlungen eher darauf aus zu sein, den Kreis der Geimpften klein zu halten: ab einem Lebensalter von 75 Jahren, Angehörige einiger weniger Berufsgruppen, Betroffene einer illustren Liste an Vorerkrankungen. Das wars. Der Rest darf sich vorschriftsmäßig ohne zusätzlichen Schutz zum xten Male infizieren, man sei ja „in der Regel gut vor schweren Covid-19-Erkrankungen“ geschützt. Die Statistik wird schon stimmen, wer aus der Regel schlägt, bestätigt diese nur, und Folgeerkrankungen sind das Geschäft des Gremiums ganz offensichtlich nicht.

Wer dabei ein gewisses Unbehagen empfindet, kann diesem nachspüren in der Stille, die Millionen Tote weltweit hinterlassen haben, sich kurz schütteln und fragen, wie der Schutz vor Krankheit und Tod zu einer Art Außenseiterposition geworden ist, einem im besten Falle belächelten Privatvergnügen, im schlechtesten Fall aggressiv betriebenem Ausgestoßenseins (tragen Sie ruhig versuchsweise regelmäßig eine FFP2-Maske in der S-Bahn).
Eine ganz wesentliche Hilfestellung bei der Reflexion bot mir das Buch „Die Verdrängte Pandemie“ (Hg. Frédéric Valin/Paul Schuberth, Unrast-Verlag, 2026, als eBook und Taschenbuch erhältlich. Webseite zum Buch: https://gegenpandemierevisionismus.com/). Ich für meinen Teil hatte vieles, was dort in Erinnerung gerufen wird, völlig vergessen. Anderes war mir in der Deutlichkeit nie so recht bewusst gewesen. An wieder anderen Stellen gelingt es den diversen Autor*innen, Ideologie und Empirie zu erläutern, dabei parteiisch zwar auf Seiten des Lebens, jedoch zumeist ohne Rechthaberei zu argumentieren – angesichts der rasenden Realitätsverweigerung allerorten ein Dokument bewundernswerter Selbstkontrolle.
Die Leistung des Sammelbandes ist weniger eine vollständige Aufarbeitung, mehr die Eingrenzung bestimmter Leerstellen, gerade auch im links geprägten Diskurs. Es wird qualifiziert ausgeteilt gegen das ganz Spektrum von antiwissenschaftlichem Geraune bis zur technokratischen und obrigkeitsstaatlichen Heilserwartung. Das ist sehr erfrischend. Viele Freund*innen gewinnt man so wahrscheinlich aber nicht.
Letztlich ist das Buch eine Aufforderung weiter zu forschen und zu denken entlang der Frage, wie denn ein menschlicher Umgang mit Krankheit und Kranken aussähe, einer der nicht von Kapitalinteressen geprägt und/oder Mythologisierung vernebelt ist. Andererseits wird auch deutlich, wie drängend eine Antwort auf ein System gefunden werden muss, das sich seine Pandemien qua Wirtschaftsweise zunehmend selber produziert.
Dazu muss selbstverständlich zunächst dargestellt werden, wie eigentlich das Primat des Profits am konkreten Beispiel gewirkt hat. Das leistet schon Paul Schuberth mit seinen Beiträgen, aus denen man gleich seitenweise zitieren möchte. Schuberths Herleitung der realitätsformenden Macht einer „instrumentellen Vernunft“ allein, die sich ausschließlich dem reibungslosen Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft verpflichtet fühlt, erklärt so einiges an hin und her der Pandemiepolitik in den ersten zwei Jahren mit Covid. Dazu zählt nicht zuletzt jener bizarre Widerspruch zwischen Repression bis ins privateste Umfeld hinein (Kontaktverbote und rabiate Isolationen), während gleichzeitig Betriebe der Exportwirtschaft um jeden Preis offen gehalten wurden.
Wachstums- und Profitimperativ sind eben genau das, Imperative, mit Vorrang vor jedem anderen Interesse, und sei es die Erhaltung der Art. Es ist leider nur zu gut erklärlich, wie ein ökonomisches System um das Risiko der eigenen Schädigung, bis hin zu seinem Untergang, einen dem Anschein nach unvernünftigen Zwang unbedingt folgen will und das bar organisierten Widerstands auch tut. Die offensichtliche Ähnlichkeit zur geradezu verbrecherischen internationalen Klimapolitik wird im Buch mehr als einmal hergestellt.
Sehr gut nachvollziehbar ist dabei die Darstellung der internalisierten Herrschafts-Ideologie, die die Unterwerfung unter Kapitalinteressen, zum Beispiel bei der Aufhebung der Schutzmaßnahmen, als Akt der Befreiung, der Widerständigkeit gar, erscheinen lassen. Ganz richtig wird dabei aber mitbedacht, dass ökonomische Zwänge auch ganz unmittelbar erpresserisch im Sinne des Status quo wirken: „Existenz- oder Gesundheitsgefährdung sind jeweils keine verlockenden Wahlalternativen.“. Sind sie in der Tat nicht und die Kraft, die Naturgesetzlichkeit dieser Verhältnisse in Frage zu stellen, die muss sich eben erst noch finden.
Viele der von Schuberth (und in einem kurzweiligen Gespräch mit Thomas Ebermann) essayistisch aufgemachten Debattenfelder werden in den kürzeren Einzelbeiträgen des Buches dann noch einmal vertieft. Sicher, es gibt ein paar Redundanzen, die mich nicht weiter gestört haben.
Ein großes Extra waren mir neben dem stark auf die Versäumnisse der eigenen Bewegung gerichteten Beitrag der französischen feministischen Gruppe „Les Canards Masquées“ die zusammengefassten Protokolle von Long-Covid Betroffenen. Während die Toten der Pandemie sich nicht mehr stören müssen an der seltsamen Haltung, ihnen noch ins Grab nachzurufen, dass sie sich nicht so haben sollen, es sei ja nur eine Grippe, ist diese permanente ignorante Demütigung der alleine in Deutschland zu hunderttausenden in unterschiedlichen Schweregraden Erkrankten von erschütternder Kaltblütigkeit. Vor allem wenn wir bedenken, dass das Risiko selber von einer so unglaublich belastenden Krankheit wie ME/CFS niedergedrückt zu werden mit jeder neuen Covid-Infektion steigt.
Verdrängt ist mit der Pandemie eben nicht einfach nur ein entferntes äußeres Geschehen. Nicht zuletzt mit der Verweigerung, jegliche Vorsorge, ob Impfungen oder Luftreinigungsanlagen auch nur zu empfehlen, leisten offiziöse und offizielle Stellen wie die STIKO ihren Beitrag zur faszinierenden Generalillusion dauerhafter Unverletzlichkeit. Diese wird dann noch von all den Davongekommenen fleißig perpetuiert. Da kann auf jeden Fall von linker Seite weitergedacht werden, wie dieser Survivors-Bias in seiner gegen andere und in letzter Konsequenz eben auch gegen sich selbst gerichteten Grausamkeit gebrochen werden kann.
Mark Fishers Gedanken dazu hätten mich interessiert. Genauso wie ich neugierig auf Susan Sontags Einschätzung gewesen wäre hinsichtlich der militärischen Metaphorik in der Pandemiebekämpfung. Da ist auf jeden Fall viel Platz in der Debatte. Wie sagt Ebermann so schön: „Das kleine Lager der Systemkritik ist ständig überfordert.“ Hier aber hat das kleine Lager etwas wertvolles vorgelegt. Wertvoll deshalb, weil es vom Erwartbaren abweicht und das Wichtige nach Vorne stellt. Danke dafür.
Achja, Berlin: Die Bundesspitze der Linkpartei feiert sich in einem als “Analyse” vielleicht etwas produktenttäuschend anmoderierten Text mit der Überschrift: “So haben wir Berlin gewonnen”. Nunja, die meisten Stimmen bekommen, gewiss, ein wirklich beachtlicher Erfolg. Nur gewonnen ist da noch nichts, jedenfalls nicht, solange sich keine Regierungsoption materialisiert. Und das ist beileibe nicht ausgemacht. Der Druck von allen Seiten ist bekanntlich gigantisch.
Zwei Texte zur Sache, die ich ganz gut fand: Einmal Nelli Tügel in der ak (a wie Analyse, aber wirklich jetzt) unter dem schönen Titel “Fokus, Leute!”. Sie sagt das offensichtliche, was zwischendurch aber so gern vergessen wird: Das Atmen nicht vergessen!
Zum zweiten ein Stück von Tom David Uhlig und Nikolas Lelle in der taz, das sich noch einmal in solidarischer Kritik mit der Herausforderung beschäftigt, Antisemitismus wirklich zu begegnen, grade in der Linken. Tatsächlich ist unter gegebenem Dauerbeschuss kaum damit zu rechnen, dass hier zeitnah nennenswerte Fortschritte erzielt werden, aber sowas kann man sich auf baldige Wiedervorlage merken.
Jenes Vorsondierungspapier der Drei Möchtenichtsogern-Koalitionäre leistet da nämlich nicht sonderlich viel gutes. Wird mit solchen, noch dazu im sprichwörtlichen Hinterzimmer ausgehandelten Statements doch der Eindruck erweckt, dass der Kampf gegen Antisemitismus eine rein obrigkeitlich verlangte Unterwerfungsgeste sei. So bleibt die unreflektiert widerständische Pose in all ihrer Sexyness bei den sogenannt Palästina-Solidarischen und entbindet diese im Eifer des Gefechts diskursiv von der Notwendigkeit kritischer Selbstbetrachtung. Da wird in absehbarer Zeit kein Horizont geweitet. Der raue Ton, der überall durchsickert (oder besser: genüsslich durchgestochen wird) entspricht dabei dem Sound partei-interner Machtkämpfe und macht Kompromisse und Austausch in der Summe sicher nicht leichter.
Die Berliner Landesspitze der Linken hat sich offenbar spätestens nach jener Wahlkampfveranstaltung mit dem Intifada-Rapper für den disziplinierenden Weg, also eine rein machtpolitische Auseinandersetzung entschieden. Das kann man machen, wenn sicher ist, dass die sonstige innerparteiliche Opposition die Füße stillhält und damit die Isolierung einer ungeliebten Fraktion mitträgt. Die Risiken sind offensichtlich, der Einsatz hoch. Das Gemeine ist, das wäre auf anderen Wegen nicht anders, überall Stolpersteine.
Und die sind der Punkt: Bei den Bildern aus Halle, wo jüdische Studierende beim Gedenken an den Anschlag vom 9. Oktober 2019 jenem Rechtsextremen Landtagsvize mutig den Zugang zur Synagoge verwehrten, wurde deutlich, wem sich eine Linke beweisen muss. Nicht mit irgendwelchen Formelkompromissen um mögliche Koalitionäre sanft zu stimmen, sondern in der Bereitschaft zur unmittelbaren Tat, aus ganz eigenem Antrieb und Programm. Solidarisch, selbstverständlich, ohne wenn und aber.
Das Problem wird am Ende doch nicht mit den ganzen Offenen-Briefe-Schreibern manifest, die den Weltuntergang bei einer etwas linkeren Koalition in Berlin herbeibeten. Nein, wir sind das, die wir uns aus Gründen nicht mehr so sicher sind, dass die Selbstverständlichkeit der Verteidigung jüdischen (wie allen) Lebens unverrückbar in der DNA aller Genoss*innen und Freund*innen steckt.