Undisruptable Technology logo

Undisruptable Technology

Archives
Subscribe
June 12, 2026

Do you have FOWT? [Undisruptable Technology - Ausgabe #309]

#309, 12. Juni 2026

Guten Morgen,

Fußball-WM und SpaceX, da schreibt sich doch diese kleine Einleitung wie von alleine. Aber, nein, die Themen finden sich unten in den 10+ Links rund um digitale Disruptionen und analoge Absonderlichkeiten. Da muss man die beiden inhabergeführten (Infantino/Musk) Großereignisse (viel Geld/auch viel Geld) nicht auch noch hier oben behandeln.

Ich wollte eigentlich was über das gigantische neue KI-Modell “Fable” von Anthropic schreiben, sozusagen die pazifistische Variante von “Mythos”, wenn man den Berichten glauben darf. Man kann es aktuell in seinem Abo ausprobieren, aber da ich davon ausgehe, dass die inkludierten Token nach 1/3 der Aufgabe aufgebraucht sind, muss man sich schon genau überlegen, mit was man die Wunder-KI denn beauftragen will.

Gibt es dafür eigentlich schon einen Fachbegriff? Offenbar nicht, sagt die KI, dann könnten wir hier an dieser Stelle doch einen dafür prägen. FOWT (Fear Of Wasting Tokens) oder FOUP (Fear Of Useless Prompts)? Auf deutsch vielleicht Prompt-Paralyse (“Beschreibt die Schockstarre, in die man verfällt, wenn der Finger über der Enter-Taste schwebt und man plötzlich zweifelt, ob der Piraten-Witz wirklich wertvollen Kontext-Speicher fressen sollte”, schlägt Gemini vor) oder Kontingent-Klemme? Hmmm, ich weiß nicht.

Wenn man ein kleineres, sparsameres Modell nimmt, dann stellt sich zumindest diese Frage nicht. Und dann ist diese KI echt praktisch. Neben meinem Hauptjob als Pressesprecher beim Digitalverband Bitkom habe ich auch so ein paar kleinere Programmierprojekte (mit Arbeitsbezug). Und neben der Erstellung ist da auch das, was man neudeutsch Maintenance nennt. Also plötzlich ist morgens diese automatisierte Mail fast leer und es stellt sich die Frage: Warum? Früher wäre das Rechner hochfahren gewesen, Logs anschauen, Überlegungen anstellen, vielleicht in den Code gucken oder ins Mailpostfach, eine API checken. Heute? OpenCode kurz die Problemlage schildern und sich ums Frühstück für die Kinder kümmern, während der Kollege die Analyse macht und einen Problemlösungsvorschlag erstellt. Nach dem Kaffee gibt man den frei und das Problem ist gefixt, also zumindest der Teil, der nicht beim Dienstleister liegt. Den Roboter, der losgeschickt wird, um dort mal anzuklopfen, der ist noch nicht integriert, leider. Aber sonst erleichtert einem diese KI wirklich an vielen Stellen inzwischen das Leben.

Bis nächste Woche,

Andreas Streim


Ten news that fit to send

  1. Elon Musk hat nur 19 Prozent seiner angekündigten Ziele erreicht: Heute geht ja SpaceX an die Börse. Mit einer Rekordbewertung. Meine erste Berührung mit Aktien war ja damals beim Börsenspiel der Stadtsparkasse Trier in den späten 1980er Jahren Da stand in den Begleitbroschüren zum Geldanlegen-Lernen was von Kurs-Gewinn-Verhältnis, man konnte da so Charts zeichnen und Trendlinien analysieren. Heute kann man mangels Gewinn gar kein Verhältnis rechnen, bekommt aber bei jedem Online-Broker entgegenegeschrien, dass man für 135 Euro ein Stück vom Weltraumkuchen zeichnen kann. Es geht vor allem um Vertrauen. In die Zukunft, den CEO und so. Gut, dass mal jemand nachgezählt hat: “Elon Musk ist ein Mann der großen Worte: 2020 gibt es Millionen selbstfahrende Taxis. 2026 werden die ersten Starships Richtung Mars fliegen. Das sind nur 2 seiner Versprechen – beide sind nicht eingetreten. (…) Das hat die New York Times zum Anlass genommen, 602 vollmundig angekündigte Ziele von Elon Musk zu überprüfen. Die Auswertung war ernüchternd: Nur etwa 19 Prozent davon hat er erreicht. Bei rund 35 Prozent erfolgte die Umsetzung zu spät oder gar nicht.”

  2. Elon Musk is encouraging race riots on the eve of SpaceX’s IPO: Gut, da kann man jetzt sagen: Wenn er 19 Prozent erreicht hat und echt viele tolle Dinge versprochen hat, dann ist das doch keine so schlechte Quote. Aber da wäre ja noch was, und tut mir leid, wenn ich das hier bei all den schönen Tech-Geschichten einstreuen muss: Wer irgendwann mal einen Tesla gekauft hat, weil sie oder er das Auto halt irgendwie cool fand, da kann man wenig gegen sagen. Ging mir auch so (mit dem cool finden, zum Kaufen ist es nie gekommen). Aber heute kann man ja schlecht sagen, während man aus dem Tesla aussteigt und checkt, ob man die gewünschte SpaceX-Zuteilung bekommen hat: “Echt, wusste ich gar nicht?” Steht halt wirklich überall, auch hinter dem Link hier: “ Following a knife attack in the city on Monday, Musk declared support for Restore Britain, a hard-right populist political party that advocates for large-scale migrant deportation in the UK. He reposted statements from party leader Rupert Lowe calling for “a vast number of people” to be forced out of the country, as well as a promise from Lowe to “prosecute officials and politicians who knowingly placed dangerous third world savages in our communities.” “This is the way,” Musk added to his repost.” Man kann den Mann betriebswirtschaftlich als Sicherheitsrisiko ansehen oder halt auch einfach sagen: Not with my money.

  3. Die KI-Euphorie macht den Schweizer Industriekonzern Huber + Suhner zum Börsenstar: Wenn wir über KI-Boom und Börsenbumms reden, dann stehen da wie oben immer Namen wie OpenAI oder Anthropic oder Nvidia natürlich. Aber es gibt viel mehr Unternehmen, die von der ganzen Welle profitieren, an die kein Mensch denken würde. Zum Beispiel dieses schweizer Unternehmen. “Als Anbieter im Bereich der Verbindungstechnik betätigt sich H+S lediglich in einer Nische des mittlerweile billionenschweren Geschäfts mit Datenzentren. Die Marktforscher von Bloomberg Intelligence erwarten, dass von den Investitionen in den Aufbau der Rechenzentren nur zwei bis drei Prozent auf die Verbindungstechnik entfallen werden. Rund zwei Drittel der Ausgaben dürften den Herstellern von Servern und Grafikprozessoren zugutekommen. Zugleich sind die erwarteten Investitionssummen derart riesig, dass selbst für den Nischenmarkt der Verbindungstechnik enorme Umsätze abfallen sollten. Auf Basis der Annahmen von Bloomberg Intelligence werden sie bis 2030 zusammengerechnet zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar betragen.”

  4. Coding agents in the social sciences: Anthropic hat sich mal die Nutzung von KI-Codingt-Tools in den Geisteswissenschaften angeschaut. Eine ganze Reihe interessanter Findings, etwa in welcher Karrierestufe man die nutzt, an welchen Hochschularten und für was genau. Aber ein wirklich deutlicher Unterschied zeigt sich hier: “Twice as many researchers with typically male names use coding agents as those with female names.”

  5. Why AI hasn’t replaced software engineers, and won’t: Jobverlust durch KI ist ja auch so ein Dauerbrennerthema. Bei jedem neuen Modell kommt irgendwer der sagt, jetzt ist aber wirklich vorbei mit Profession X oder Y. Diese sehr absolute Gegenthese hier würde ich auch nicht sofort unterschreiben, aber sie hat ein paar interessante Fakten. Zum Beispiel: “59% of U.S. hiring managers admitted they emphasize AI when explaining hiring freezes or layoffs because it plays better with stakeholders than citing financial constraints.” Und das hier fand ich auch ganz spannend: “Another interesting data point comes from the WARN Act, which requires certain disclosures of plant closings and mass layoffs affecting over 100 workers. In March 2025, New York became the first U.S. state to add an AI disclosure checkbox to WARN Act filings. In the full first year, more than 160 companies filed WARN notices. Not a single one checked the AI box. We reached out to the NY Department of Labor who confirmed that as of late May, only one company, Nespresso, checked the box.2 If these filings are accurate, only 46 out of about 25,000 laid off workers in New York State in the relevant period, or about two-tenths of a percent, were affected by AI.”

  6. Google and FBI warn of ransomware group that sends fake IT workers to hack victims in person: Ich dachte ja, diese Fake-Microsoft-Telefonanrufe sind schon ziemlich personalaufwändig. Aber das hier: “A ransomware gang has escalated its attacks on law firms by sometimes sending fake IT workers in person to the victims’ offices, where the imposters steal data directly from the victims’ computers using USB drives or help other gang members connect to the computers remotely, according to Google and the FBI.” Hmmm. Ich weiß, ernste Sache, aber ich habe mir vorgestellt was ist, wenn die Spam-Versender jetzt nachziehen und bald Fake-Apotheker mit blauen Pillen oder Fake-Prinzen mit vermeintlichen Millionen-Koffern an unseren Haustüren klingeln.

  7. 'Dumbass' criminal breaks the 'first rule of ransomware club': In meinem Job beim Bitkom bin ich jedes Jahr bei der Erarbeitung und Vorstellung unserer Wirtschaftsschutz-Studie beteiligt. Ein Finding der vergangenen Jahre: Ausländische Geheimdienste und Organisierte Kriminalität gewinnen an Bedeutung bei Angriffen, die Trennlinien verschwimmen. Und Angriffe lassen sich besonders häufig nach China und Russland zurückverfolgen. Klingt abstrakt, praktisch zeigt das dann diese Geschichte: “In what threat-hunter Dominic Alvieri deemed the ransom “dumbass of the day,” Nova, the affiliate program for ransomware crew RAlord, on Tuesday issued an apology to Eriell Group, a major oilfield services company with headquarters in Uzbekistan and a corporate office in Moscow.” Ups, warum? “While cybercrime is technically illegal in Russia and other CIS countries, their governments often provide safe harbor for extortionists and other financially motivated crims - especially if they also happen to work day jobs as state-sponsored hackers - and local police look the other way unless the gangs infect any in-country organizations.” Mehr Infos hinter dem Link.

  8. Meta Furious Over Bombshell Smart Glasses Revelation: Meta hat wohl in die Software ihrer Smart Glasses ein kleines Update eingespielt, das noch nicht scharf geschaltet war, aber da: “The unreleased feature, internally dubbed “NameTag,” would “transform faces captured by Meta’s glasses into unique biometric signatures, commonly known as faceprints, and check each one against faceprints stored on the user’s phone — a database that’s currently configured to receive updates from Meta,” as Wired put it.” Meta findet es übrigens nicht fair, über so ein Update zu berichten, wenn es doch noch gar nicht verfügbar ist, schreibt “Futurism”

  9. Innocent Man Freed After Spending Over 50 Days in Jail Due to Horribly Inaccurate AI Facial Recognition Tech: Was soll mit einer bewährten Technik wie Gesichtserkennung auch schon schiefgehen können? Ähem. “Richardson was initially accused of stealing a vehicle in Jacksonville, Florida, after police fed surveillance video from a private business into their AI-integrated facial recognition system. The system then identified Richardson with what it said was an 85 percent facial recognition match, the Florida attorney’s office told Jax. Paired with two “eyewitness” accounts, it was enough to establish probable cause against Richardson, even though he’d been clocked into his job hundreds of miles away when the crime took place.” Mir war eigentlich gar nicht klar, dass Gesichtserkennung in den USA so Minority-Report-mäßig verwendet wird für eher nicht so Kapitalverbrechen wie Terrorismus & Co. Aber jedem normal denkenden Mensch müsste doch bei einer Übereinstimmung von 85 Prozent irgendwie einfallen, dass das vielleicht dann doch nicht so gut ist.

  10. The Decline of Search Engines is an Opportunity: Ich finde das eine sehr charmante Idee, wenn man der Feststellung folgt, dass die Zeit der klassischen Suchmaschine sich dem Ende zuneigt. “Hyperlinks. The answer is hyperlinks. In my early days of the web I was constantly finding cool sites by clicking on the ubiquitous "links" page other cool sites always had. Sometimes they were irrelevant, sometimes they were dead, but sometimes they really hit the mark and I found stuff I still remember to this day. We're constantly bemoaning the centralized web. But are we not Web Masters? Can we not simply link to the websites we enjoy?” Ich kann mich auch noch gut an die Zeit der Link-Seiten und Link-Listen erinnern. Und solche kuratierten Empfehlungen, vielleicht wären die das? Und dann doch nochmal eine Suchmaschine, die nur diese kuratierten Links sammelt und auswertet? Aber dann kommen die SEOistas und versauen einem den Spaß, wahrscheinlich.

Undisruptable Technology im Bild

Es gibt praktisch kein Betriebssystem mehr, das ohne KI-Integration auskommt. Aber was wäre, wenn die KI das Betriebssystem wäre und sonst gar nichts da wäre? Einfach mal das Video anschauen oder hier bei “Golem” nachlesen, über das halluzinierte Betriebssystem. Ich glaube, in genau diesem (und: nur in diesem) sich selbst erdenkenden Computer-Grundsystem gibt es dann auch diese doch eigentlich “perfekt funktionierende Office-Software”, von der man hin und wieder liest, wenn jemand erklärt, warum die Hinwendung zu Open Source so gar keinen Sinn macht.

Und zuletzt...

Und wer gestern Abend früh ins Bett gegangen ist, der hat es vielleicht gar nicht mitbekommen: In Übersee hat die Fußball-Weltmeisterschaft begonnen. Klar, viele wissen das, sie haben schon Stunden in der Check24-App-Warteschlange für eines der Trikots zugebracht (immer wieder schön, ein so analoges Nothilfeinstrument wie eine Warteschlange digital nachgebildet vorzufinden: schließen Sie Ihre App nicht, bleiben Sie dran…). Und viele haben gehofft, mit dem Thema wenigstens in einem Tech-Newsletter verschont zu werden. Tja, da waren leider Hyundai und Boston Dynamics vor. Sie haben ihrem Arbeitsgehilfen das Kicken beigebracht, vom Fließband auf den Bolzplatz. Echter Fußball von unten, ich kenne Leute, die bekommen bei der Vorstellung feuchte Augen. Vermutlich darf Atlas aber in der Regionallige nicht mitdribbeln.

Worum es geht? Eine Medienkampagne, mit der der Auto-, äh, Roboterbauer ein bisschen von der Strahlkraft des Mega-Events abbekommen möchte. Oder anders gesagt: “The campaign film showcases the capabilities of the next-generation electrically powered Atlas through real-world execution, demonstrating Physical AI through embodied movement in dynamic, sport-inspired environments. (…) Notably, the advanced “Ghost Rabona” — a cross-leg kick requiring precise timing, balance and deceptive motion — represents a high level of technical difficulty that goes beyond simple motion replication.” Oder noch kürzer: Das spielerische Niveau dürfte über dem von mindestens der Hälfte der Vorrundenpartien der größten WM aller Zeiten liegen.

Don't miss what's next. Subscribe to Undisruptable Technology:
Share this email:
Share on Facebook Share on Twitter Share on LinkedIn
GitHub
Twitter
LinkedIn
Mastodon
Powered by Buttondown, the easiest way to start and grow your newsletter.