46 // finale
Nein, nicht der letzte Newsletter. Obwohl ich nicht weiß, woher die Disziplin nehmen, wenn die von außen erzwungene Regelmäßigkeit wegfällt. Wir werden sehen. Finale taz-Kolumne aber. Das einjährige Experiment ist beendet; und ich bin ganz froh drum. Ansonsten: Was der Eichelhäher sagt.

Autokorrektor 25 - Jede Wahrheit
Der moderne Garten steckt voller Sensorien und Schalter. Luft- und Bodenfeuchte unterliegen permanenter Kontrolle. Wenn nötig, wird gewässert oder ein Fenster im Gewächshaus summt sich elektrisch auf Kipp. Eine Bodenwertsanalyse und automatisierte Düngerabgabe wäre sicher auch was feines. Aber ganz ehrlich, in der brandenburgischen Sandbüchse muss ohnehin jedes Beet jahrein-jahraus kniehoch mit Pferdescheiße zugekleistert werden, damit da auch nur ein paar Radieschen von oben zu beschauen sind.
Künstlicher Dünger hilft da eventuell noch ein bisschen, künstliche Intelligenz jedoch ganz bestimmt nicht. Internet aber hat der Garten trotzdem, mit High-Speed-Bildübertragung sogar. Darüber kann man vermummten Lumpen dabei zuschauen, wie sie Spaten stehlen. Ganz genau, ihr verzärtelten Berlinskis, in Brandenburg stiebitzen sie Schippen, die Schlawiner. Da hilft auch keine Mauer um den Park. Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.
Die Bewegungsmelder registrieren auch den Fuchs, wie er gelangweilt über den Weg trottet. Manchmal erschrickt er sich, wenn das Licht an der Laube angeht. Manchmal nicht. Auch die Krähen werden gefilmt, wie sie an den Kameras picken. Den Eichelhäher aber erwischen die Sensoren selten. Der Eichelhäher ist zu scheu oder zu schnell. Aber er ist da und lässt das alle wissen.
Manchmal, wenn ich an der Laube sitze und zufrieden mit der Welt und mir über die Latifundie schaue, den Meisen und Eichhörnchen freundlich zunickend, da heizt der Häher durch den Luftraum. Eingeladen hat ihn niemand. Die Amseln kehren augenblicklich ihren Patriotismus heraus und brüllen den gut doppelt so großen Eindringling voller Entrüstung an. Ich tue es ihnen gleich.
Denn der Eichelhäher ist ein Schuft. Er hat ganz offensichtlich keinen Bezug zu seinem Körpergewicht. Gerne setzt er sich auf die zartesten Zweige der Obstbäume, die unter ihm zersplittern wie von einem Kirchturm hinabgeworfene Oblaten beim Aufprall.
Außerdem scheint der gefiederte Radaubruder der Auffassung zu sein, dass seine Flughöhe auf gar keinen Fall von topographische Gegebenheiten abhängt. Möge doch der Boden vor ihm weichen. Mehr als einmal konnte ich seinen Landeanflug durch das Kartoffelbeet beobachten. Wie die Enterprise D bei ihrer Notlandung auf Veridian III pflügt der Eichelhäher einfach alles in seinem Weg um. Umgeknicktes und vertrocknetes Kraut der Kartoffeln bezeugt in jeder Saison die Rücksichtslosigkeit des Tiers.
Nun ist es nicht an mir, über einen Eichelhäher zu richten. Er ist ein Vogel. Er wird nicht planvoll mir zum Ärgernis herummarodieren. So dachte ich zumindest. Bis er vor kurzem um die Laube geschossen kam, geradewegs auf mich zu. Nur kurz vor meiner Stirn bog er zur Seite, so dass der Wind seiner Flügel mein Gesicht noch streifte. „Na hör mal,“ rief ich empört, „Ich bin doch keine Kartoffel!“ Da blieb der Eichelhäher, einem Kolibri gleich die Flügel schlagend in der Luft stehen, grinste frech und sagte: „Doch.“
Mit großem Interesse gelesen: Tom Strohschneider mal wieder, der leider weiterhin bei Substack (wo Nazi-Newsletter mit Hakenkreuzen als Illustration gefeatured werden) unterwegs ist. Jedenfalls beschäftigte ihn letztens erneut das strategische Dilemma der Linken (als Partei in konkretem Falle) zwischen fundamentaler Opposition und gestaltender Beteiligung am parlamentarischen Betrieb.
Wie üblich zitiert er die verschiedenen Positionen, ordnet ein und bietet seine Bewertungen an. Und eine davon gab mir etwas Herzenswärme mit, als ich beim Lesen noch einmal bemerkte, wie weit ich mich gedanklich und emotional in das hinein entwickelt habe, was ich als jüngerer Mensch als reformistisches Lager aus ganzer Seele abgelehnt hätte.
In Bezug auf einen (mE) einschlägigen verbalradikal perspektivlosen Schwätzer, der inzwischen wie so einige bequem sitzende Linke zu der Auffassung gelangt ist, dass eine CDU-AfD-Regierung gar nicht so tragisch wäre und statt dessen eine gute Kampfposition von links eröffne, vermerkt Strohschneider lakonisch: “Aber worin bestünde dann das »Schlagen« einer solchen Regierung? In einer Linkspartei-Alleinregierung?”
Genau mein Humor.
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