27 // blut und rache
Nach Durchsicht alter Lesebühnentexte habe ich immerhin einen gefunden, der die wenig glorreiche Rostocker Jugend zum Thema hatte. Anfang der 2000er also, mit vielleicht zehn Jahren Abstand (plus die knapp 250 km zwischen Lichtenhagen und Friedrichshain), habe ich da auf ein paar Lacher kalkuliert. Warum auch nicht. Nachfolgend dokumentiert der Versuch, eine (in der Sache tatsächlich komplett wahre) eher traurige Geschichte bühnentauglich zu machen.

Wir sind alle nur menschlich (ca. 2003)
Erich Honecker schaute mir auf den Teller. Erich Honecker. Mit seinen gütigen Augen, die Lippen umspielt von einem milden Lächeln, schaute er mir auf den Teller. Es gab Milchreis. Das war nichts besonderes, in der Schulspeisung gab es oft Milchreis. An der Essensausgabe stellten sie dir den Teller hin, du gingst zu deiner Hortgruppe und setztest dich. Auf dem Tisch standen zwei Schüsseln, in denen je ein Löffel steckte. Einmal Zimt, einmal Zucker.
Zucker sollten wir schön viel nehmen auf den Milchreis. Überall sollte man sparen, bloß nicht beim Zucker. Der kam aus Kuba. Davon mussten wir ganz viel essen, um den Weltmarktpreis zu stabilisieren und so dem kleinen Bruderland kameradschaftlich unter die Arme zu greifen. Obwohl Zucker ja gar nicht gut ist für die Zähne.
Das war immer ein munterer Schlagabtausch im Politbüro, wenn die Ökonomen mit den Verantwortlichen für die Volksgesundheit diskutierten:
"Unsere Menschen müssen mehr Zucker essen, um dem Klassenfeind die Zähne zu zeigen!"
"Der Genosse Ökonom meint wohl die von Karies zerfressenen Restposten in den fauligen Mäulern unserer Menschen?"
"Ah, da hört man doch gleich wieder den Zynismus des Genossen Volksgesundheitlers. Es mangelt ihm anscheinend an der Fähigkeit, die Prioritätensetzung der Partei zu erkennen."
"Und dem Genossen fehlt es anscheinend an Respekt vor der großen Aufgabe, die Volksgesundheit zu gewährleisten."
"Der Genosse hat wohl schon die Zeit seines Urlaubs in Sibirien vergessen?"
Jener Genosse schwieg daraufhin und so aßen wir jede Menge Zucker. Mit Erfolg, wie ich sagen darf, zehrt Fidel Castro doch noch immer von unserem damaligen Zuckerverbrauch. Und selbst noch das kapitalistische westdeutsche Gesundheitssystem haben wir mit unseren kranken Zähnen inzwischen an den Rand des Kollaps' gebracht.
Gütig lächelt Erich Honecker zu allem. obwohl er bestimmt nicht mehr in meiner alten Schulspeisung hängt, wie er es damals tat, als er noch darauf zu achten hatte, dass ich mein Essen nicht gegen Matchboxautos an Sören Wagner verschacherte. Sören war der unbegabte Sproß einer Stasi-Familie und hatte vor allem einen Hang zu Hunger und Fettleibigkeit geerbt. Eigentlich ein ganz netter Kerl, den ich im Rahmen einer Pionierpatenschaft betreute. Wir machten zusammen Hausaufgaben.
Zumindest daran, dass er den Wechsel von der fünften in die sechste Klasse schaffte, war ich mitschuldig. Sören hat mir das nie vergessen. Auch nicht als herausragender Nazischläger, der er später war. In der Betonburg, die mir den größten Teil meiner Kindheit und Jugend Heimat war, galt ich dann als sein persönliches Haustier und das kam so:
Eines gar nicht so schönen Tages, ich war gerade auf dem Weg zur elterlichen Wohnung, trat mir so ein Lümmel, samt seiner 12 (in Worten: zwölf) Kumpanen in den Weg und informierte mich, dass er gehört habe, es gebe hier noch einen Linken. Ich heuchelte Entsetzen und brabbelte irgendwas von wegen, dass das ja wohl nicht die Möglichkeit wäre, und wo der wohl herkäme, dieser Linke.
Mit einem reichen Erfahrungsschatz versehen, wusste ich natürlich, worauf das alles hinauslaufen würde. Und, wie konnte es anders sein, unterbrach mich der Wegelagerer unwirsch und meinte, dass er gehört habe, dass ich dieser Linke sein soll.
Tja, wie soll man sich da rauswinden, vor allem wenn dafür angesichts der ersten schon niedersausenden Schläge, gar keine Zeit bleibt. Weglaufen wird auch ungemein erschwert, wenn man erst einmal am Boden festgehalten wird. Nun, ich will gar nicht groß auf die Einzelheiten eingehen. Schon allein deshalb, weil ich mich noch am selben Tag kaum an irgendetwas erinnern konnte.
Die Sache hatte aber ein ungewöhnliches Nachspiel. Sören Wagner, zu der Zeit schon mit einem recht gefestigten Ruf als Anführer einer üblen Nazibande versehen, bekam von meiner Abreibung Wind und beschloss darauf hin, dass so etwas in seinem Revier aber nicht ginge. Er erkundete also, wer da über die Stränge geschlagen hatte und klärte den Rädelsführer auf gewissermaßen familiäre Weise über die informelle Ordnungsstruktur des Stadtteils auf.
Die Blutspur auf der Straße war noch Tage später zu sehen. Auch im Haus. Meinem Haus. Dahin schleifte der gute Sören sein Opfer, also meinen Täter, nämlich, um uns einander vorzustellen. Ich weiß nicht, für wen die Situation unangenehmer war. Also, rein körperlich natürlich für den anderen. Aber auch ich fühlte mich ein wenig gedemütigt, als Sören uns, na, ich sag mal: bat, einander die Hände zu geben.
"Und du, Tobias, du entschuldigst dich jetzt, danach reden wir weiter." Mit Panik in den Augen entschuldigte sich Tobias bei mir. Das wäre wahrscheinlich ein guter Moment gewesen, um Gnade für ihn zu bitten. Und manchmal denke ich, dass ich das im Interesse meines Seelenheils auch hätte tun sollen.
Aber was soll ich sagen - wir sind alle nur menschlich.
Weiterlesen im Blog.
Mit großem Interesse gelesen: Ein Text von Monika Rinck im Merkur über den Versuch überhaupt zu erfassen, in welcher Geschwindigkeit Gewissheiten und Vertrautes zerstört werden gerade. “Die Sprache auffalten, die Phänomene aufhalten. Jedoch nicht nachkommen. Einfach nicht nachkommen.” In einer der Situation angemessenen Atemlosigkeit in New York geschrieben.
Sehr lohnend ist auch der darin zitierte Diederichsen “Das Rohe und das Kettengesägte” im Berlin Review (Paywall). Er beobachtet darin unter anderem sehr nachvollziehbar das Phänomen, dass die Linke sich auf dem Weg zur Macht immer weiter Richtung Mitte bewegt und bei jedem Schritt ihre jeweils radikalsten Elemente abstösst, während es bei der Rechten genau anders herum läuft. Richtig auflachen musste ich an der Stelle, wo er der AfD bescheinigt, immerhin keinen Strasser-Flüger mehr loswerden zu müssen. Der hätte sich ja schon mit Wagenknecht et al selbstständig gemacht.
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