Oktober-Ausgabe 2026
Herzlich willkommen zur Oktober-Ausgabe des Vreundschaftsbriefs!
CRUNCH
Im Genderswapped Podcast beantworten wir im Ask Us Anything (fast) all eure Fragen!
Im Audio-Extra stellen wir uns halbwegs witzige random party questions aus einem Online-Generator - ihr findet es auf Patreon.
Auf Patreon gibts neue Kapitel von “Die reinen Herzens sind” als PDF und epub. Wir hoffen, ihr wisst noch, wo wir dran waren (Ritterin Fidé und die verschlagene Maid in Nöten Nolwenn haben ihre Aventüre begonnen, und es kam ein großer Käfer aus dem Berg. :D ). Jetzt gehts in die Feyenwelt und zu einer Bewährungsprobe für Knapp(*inn)en.
Die 17. Queer*Welten ist wegen des sehr frühen Termins dieses Jahr nicht zum BuCon und der FBM erschienen. Aktuell gehen wir davon aus, dass sie zwischen Anfang und Mitte November erscheint. Die Vorbestellung startet demnächst, ihr findet das Heft dann bald im Shop bei Amrûn.
Termine:
Samstag, 17.10., 19:30 Uhr: Die Vögte sind zu Gast bei PHANTASTISCH! ALL TOMORROW‘S PARTIES im prt in Bochum - moderiert von Michael Wehren.
Dienstag, 3.11., 18 Uhr: Judith gestaltet mit der Grünen Landtagsabgeordneten Astrid Vogelheim und Sophia Schüller vom Forschungsinstitut für Wasserwirtschaft einen Workshop zu Frauen und Klimakrise im Grünen Zentrum Aachen. Externe willkommen!
Donnerstag, 12.11., 20 Uhr: Kerker, Drachen, Würfelwürfe – die Vögte bieten Pen&Paper im Mörgens-Theater in Aachen an (Abend 1/5)! Mehr Infos auf der Theater-Website und hier.
FLUFF
Was auch weg muss - der Überraschende-Schwangerschafts-Plot (von Lena)
Wo, wenn nicht im eigenen Newsletter, ist mal wieder Platz für einen kurzen (okay, langem) Rant zu einem medienübergreifenden Plot, den ich wirklich nicht mehr lesen oder sehen möchte? Na also. Diesmal: Die überraschende Schwangerschaft. Sie sprang mir neulich wieder in zwei Serien aus dem Jahr 2026 entgegen und ist somit offensichtlich immer noch nicht aus der Mode. Leider. (Zumal ich mich gleich noch dran erinnert habe, wie ich so einen Plotpoint vor zwölf Jahren schon mal in einer Buchrezension kritisiert habe, aber nothing has changed offenbar.)
Ich rede hier jetzt nicht generell von Schwangerschaften in Erzählungen, je nach Umsetzung find ich die mal besser und mal schlechter, sondern um dieses ganz spezifische Trope, was ungefähr lautet: Frauen* sind halt ein bisschen blöd und kennen ihren Körper nicht, denken nicht an Verhütung und upps.
(* Frauen, weil ich den Plot noch nie mit einer Person, die schwanger werden kann, gesehen habe, die keine Frau wahr, was vermutlich daran liegt, dass so viel Beschäftigung mit Queerness und Gender auch den ganzen behämmerten Plot aus der Ideenschublade drängen würde.)
Die Geschichte geht dann entweder ungefähr so, dass entweder eine Frau seltsame Symptome hat und dann bei der ärztlichen Behandlung auf die Frage, ob sie schwanger sein könnte, ganz große Augen macht und dann vielleicht doch darauf kommt, dass sie ja seit Wochen und Monaten Sex hat, bei dem sie schwanger werden könnte, ohne dieses Risiko irgendwie zu umgehen. Na, so ein Dummerchen aber auch. Und in der anderen Variante ist die Frau in einem Setting und einer Umgebung, in der Verhütung nicht so einfach ist oder es echt doof wäre, jetzt gerade ein Kind zu kriegen (beispielsweise in der Postapokalypse oder auf einer Raumfahrtmission) und hat dann … einfach trotzdem Sex, bei dem sie schwanger werden kann. Um dann hinterher mit rundem Bauch traurig in die Ferne zu schauen und sich zu fragen, in welche Welt sie denn jetzt nur dieses arme Kind hineinbringen wird oder wie sie jetzt die Mission gefährdet. Nun will ich nicht sagen, dass beide Dinge weder passieren können noch passieren, und man kann eine Figur auch problemlos vorher so charakterisieren, dass es z. B. zu ihr passt, dass sie es drauf ankommen lässt (oder ihr tatsächlich die entsprechende Vorbildung fehlt, sie kein Geld für Verhütungsmittel hat, usw). Oder solche Plots können Teil von Geschichten sein, in denen es um sexualisierte Gewalt und Gewalt in der Partnerschaft geht. Passiert aber eigentlich nie. Frauen in solchen Plots werden als kompetent, beherrscht, interessiert an einer Karriere, feministisch gebildet vorgestellt, der Partner ist auch kein Arschloch, das nicht verhüten möchte - und dann sind sie davon überrascht, wie ihr eigener Körper funktioniert. Danach hadern sie entweder dreißig On-Screen-Sekunden damit, dass sie jetzt Mutter werden, ehe sie sich dann doch ganz doll freuen, oder wir kriegen gar nicht mit, wie die Frau reagiert, weil wir nur eine schöne Der-Bauch-wird-dicker-Montage sehen oder das Kind als Überraschung aus dem Epilog springt.
Man könnte diese Plots problemlos anders erzählen. Schon vor ca. 25 Jahren haben es die Showrunner von Friends geschafft, eine überraschende Schwangerschaft als Folge einer Verhütungspanne zu schreiben. Oder, wie in der Serie Working Moms, als Folge einer Fehlannahme, in der eine Figur denkt, sie könne unmöglich schwanger werden, solange sie noch stillt. (Merkt man, dass beide Serien ganz oder zum Teil weibliche Show-Runner hatten? Ja.) Und wenn es nur darum ginge, eine Frau und evtl. deren Umfeld in einer feindlichen Welt plötzlich in die Rolle von Beschützer*innen zu bringen, würde ein Findelkind, ein jüngeres Geschwisterkind usw. genauso gut funktionieren. Trotzdem wird immer wieder dieser bescheuerte Plot Point rausgeholt, den ich einfach als zutiefst misogyn empfinde. Denn erstens werden die betroffenen Figuren dadurch oft zum Plot Device ohne eigene Agenda, die nur noch gerettet und beschützt werden müssen (oder gleich bei der Geburt sterben, damit ein Mann manly man pain haben kann). Und zweitens ist die Erzählung, dass Frauen halt ein bisschen doof sind, nicht wissen, wie ihr Körper und ihr Zyklus funktionieren und dass man von penetrativem Sex ohne Kondom schwanger werden kann, ungefähr das, mit dem auch gerne Abtreibungsgegner*innen argumentieren. Hätte sie doch mal vorher dran gedacht, statt jetzt in die Klinik zu müssen! (Nicht dass, um das dazu zu sagen, in irgendeinem dieser Plots auch nur daran gedacht würde, dass der Frau diese Möglichkeit zur Verfügung stünde.) Die Annahme, dass Leute nicht über etwas nachdenken, das ihr ganzes Leben verändern, ihren Körper schwer belasten und sie ggfs. auch für sehr, sehr lange Zeit an den aktuellen Partner binden würde, ist einfach derart hanebüchen, dass ich sie inzwischen nur noch als frauenfeindliches lazy writing empfinde und jedes Jahr - offensichtlich vergeblich - hoffe, dass ich diesen Plot nie mehr sehen oder lesen muss.
Vavoriten
Judith empfiehlt:
Auf Instagram gab’s ein Reel zum wilden Nachtleben der 1920er in Prag, das auf die neue arte-Doku Babylon Prag verwies. Kollegin Susann Loevenich (👋) schrieb mir, sie suche darin Sandor aus “Anarchie Déco” im Gewühl, worauf wir spontan auch Lust hatten, ihn zu suchen, und beide Folgen hintereinander weggeschaut haben (findet sich in der Mediathek und auf YouTube). Der Titel der Doku ist schon wieder angelehnt an “Babylon Berlin” (wir erinnern uns an den “Anarchie Déco”-Klappentext “Babylon Berlin mit Magie!” ;P ), dabei drehen sich die beiden Teile gar nicht so sehr ums Nachtleben, sondern sehr facettenreich um Kultur im Prag der Zwischenkriegsjahre. In angenehm zurückhaltenden Spielszenen wird der Werdegang zweier Zeitungsredaktionen bis zur Zerschlagung der Tschechoslowakei geschildert, dazu werden historische Persönlichkeiten wie Schriftsteller Max Brod oder die genderqueere Künstler*in Toyen von Schauspieler*innen verkörpert, die “Interviewfragen” teils in Zitaten der realen Personen beantworten. Ich finde, Spielszenen in Dokus sind immer eine Gratwanderung und fallen schnell ins Kitschige oder Klischeehafte, hier fand ich sie aber sehr gelungen. Eindrücklich geht es um deutsche und tschechische Sprache, um jüdische Kulturschaffende, um Zeitungen und Galerien, um Widerstand und Flucht und die ewig aktuelle Frage: Wie wirkmächtig ist Kunst im Angesicht des Faschismus?
Lena empfiehlt:
Im Septemberurlaub habe ich den Roman Frau Putz von Julia Hoch gelesen. Ich hatte den Tipp aus einem Instagram-Beitrag, in dem es um Bücher ging, in denen Armut und prekäre Lebensverhältnisse realistischer dargestellt werden als z. B. in den Romanen von Caroline Wahl. Tatsächlich kann ich das bestätigen, die Hauptfigur des Romans, die als selbstständige Reinigungskraft arbeitet, fand ich sehr gut geschildert in ihren Lebensumständen - altes Auto, das auf keinen Fall kaputt gehen darf, Angst vorm Zahnarztbesuch, weil vielleicht ein teurer Eingriff nötig wird, Liebe zu Schokolade, die aber nur im Sonderangebot gekauft werden kann … und auch ansonsten habe ich das Buch gern gelesen, die Hauptfigur ist sympathisch, die Kundschaft verschroben bis absurd, aber teilweise trotzdem liebenswürdig.
Ebenfalls endlich gelesen, nachdem es schon seit der Performativen Buchmesse 2025 im Regal stand: Dinosaurierkind von Maryam Aras. In diesem literarischen Essay schreibt Maryam Aras darüber, wie sie zu ihrem Vater und dessen Rolle als Gegner der Shah-Diktatur recherchiert, nachdem sie ihn auf einer Aufnahme einer Protestveranstaltung erkannt hat. Die Familiengeschichte der Autorin, deren eigene Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und die politischen Entwicklungen in Iran verbinden sich zu einer sehr persönlichen Erzählung, die auch immer wieder durch “Zwischenrufe” des Vaters unterbrochen wird, der den Text im Entstehungsprozess kommentiert hat. Ein Buch, bei dem ich viel innehalten und Dinge googeln und nachlesen musste (was ich gut fand, weil auch thematisiert wird, dass eben nicht immer für ein kartoffeldeutsches Publikum ohne Vorwissen geschrieben werden sollte - this potatoe is happy to google it herself), um Wissenslücken über Iran zu schließen, dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb aber ein sehr lesenswertes Buch.
Christian empfiehlt:
In Sovereign Tower, einem Indie-Computerspiel von Wild Wits, spielt man den*die Herrscher*in eines magischen Turms in der Bretagne parallel zu Artus' Regentschaft auf den britischen Inseln. Man begibt sich dabei nicht selbst auf Aventüre, sondern trifft vor allem Regierungsentscheidungen, um Volk, Gelehrte und Adel zufrieden zu stellen, und entsendet Ritter*innen der eigenen Tafelrunde auf Questen zur Rettung von Dörfern, auf Turniere, auf Drachenhatz, Magieduelle und dergleichen. Die Auswahl des zur Aufgabe passenden Gerüsteten und die Wahl von Ross und Zauberwaffen sowie bevorzugter Verpflegung (wer mag Galette, wer lieber Croque Monsieur?) ist dabei entscheidend. Außerdem gilt es noch, das Geheimnis des Turm zu entschlüsseln und vielleicht eine soziale Revolution anzuzetteln. Dabei gibt es unzählige Anspielungen auf die Eigenheiten der Bretagne, und das kam nach unserem Urlaub dort gerade recht. Aber auch ohne diesen Hintergrund werdet ihr Spaß daran haben, wenn ihr Artussagen und mystisches Mittelalter mögt und euch auf den eigenwilligen Humor einlassen könnt.
Gerade stehen bei mir Romane über Ritterinnen hoch im Kurs, und da wurde mir Nicola Griffiths Roman Speer empfohlen, der in den Kontext von Artussagen eingebettet ist. In der Rüstung eines berühmten Mitglieds der Tafelrunde steckt tatsächlich eine Frau, unerkannt von ihren Gefährten, aber durchaus passend zu bekannten Erzählungen rund um diese Figur. Die Autorin nutzt hier das Geschlecht ihrer Ritterin geschickt, um nicht in die Falle ausgelutschter Auserwählten-Tropes zu fallen. Die Protagonistin ist nicht mit den Selbstverständlichkeiten ihrer männlichen Kollegen indoktriniert und nutzt so ihre Gaben nicht zum persönlichen Triumph, sondern zum Wohl ihrer Gemeinschaft. Zudem lässt der Schreibstil der Autorin die Lesenden wirklich stimmig in ihre magische, frühmittelalterliche Welt eintauchen.
INITIATIVE BITTE
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, der nun die Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten folgte, wird eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt, auch aufgrund des Nicht-Reagierens der CDU, die weder in Sondierungsgespräche mit den demokratischen Parteien gegangen ist noch die vier Stimmen für den AfD-Kandidaten hinreichend aufklärt, immer wahrscheinlicher. Umso dringender benötigen alle, die dort leben und nicht die AfD gewählt haben, Unterstützung für die nächsten Jahre.
Einige Organisationen, die ihr z. B. mit Spenden unterstützen könnt:
Verwaltung für Demokratie e. V. setzt sich für die Sicherheit von Verwaltungsmitarbeitenden und den Schutz demokratischer Verwaltungsprozesse ein.
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte richtet in Sachsen-Anhalt ein neues Team in Magdeburg ein, um Klage- und Beschwerdestrategien gegen grundrechtswidriges Vorgehen vorzubereiten und Betroffenen zu helfen.
Das „Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt“ (LAMSA) vertritt die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt.
Polylux unterstützt Projekte, Vereine der Zivilgesellschaft usw. in ganz Ostdeutschland.
Danke fürs Abonnieren und Lesen!
Judith, Lena und Christian