Januar-Ausgabe 2026
Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe des Vreundschaftsbriefs in diesem Jahr!
CRUNCH
Im Genderswapped Podcast sprechen wir diesmal über das Thema Gewalt als Genrekonvention in der Phantastik. Und im Medienthema reden wir über Judiths Übersetzung “Waterwitch” von Molly O’Neill.
Im Audio-Extra reden wir darüber, ob wir aufs Schreiben bezogene Jahresvorsätze haben und wenn ja, welche.
Judith war spontan zu Gast im Podcast Beim Imperator nichts Neues und hat mit Podcast-Host Dennis über ihre Warhammer-40K-Übersetzungen geplaudert.
Judith und Christian wurden zum Thema Romantasy und Rollenspiel im nerdigen & niveauvollen Trashtalk ausgequetscht - die Folge ist schon aus dem November, aber wir haben sie im Dezember-Newsletter vergessen und reichen sie hiermit nach. 🙈
Auf Patreon gab es im Januar die zweite neue Kurzgeschichte in der postapokalyptischen Fantasywelt, in der wir Vögte uns vogelfrei (und verlagslos) herumtreiben wollen. Sie trägt den Titel “Schwurkonträr”.
Auf Tor-Online gab es im Dezember einen Artikel von Lena, in dem sie einen relativ persönlichen Rückblick auf die Herr-der-Ringe-Filme wirft.
Termine:
Samstag, 17.01., 12-14 Uhr: Die Vögte signieren “The Icebound Kingdom” in der Aachener Mayerschen.
FLUFF
Hilfe, ich bin einem Kult beigetreten! (von Judith)
Im Audio-Extra denke ich noch laut darüber nach, wie es mir besser gelingt, das Schreiben vom mit anderen Dringlichkeiten lockenden Laptop und dem durch existenzielle Notwendigkeiten wie Geldverdienen immer mehr Zeit einnehmenden Übersetzungsjob zu entkoppeln, aber da Podcasts immer auch Zeitreisen sind, hat Weihnachten das Audio-Extra überholt, und unterm Baum lag eine Kult-Mitgliedschaft in Gestalt einer unspektakulären Plastiktastatur mit einem winzigen Display, das gerade mal vier Zeilen Text anzeigt, in oldschooligem Schwarz-auf-grünlich. Es ist so ein Mittelding zwischen digitaler Schreibmaschine und Cloudspeicher-Device. Ein GADGET also, und es lag da natürlich nicht einfach so, sondern ich hatte in den vergangenen Wochen immer mal auf der Website von Freewrite rumgehangen, die mit buzzwords wie “ablenkungsfreies Schreiben” lockt, und Christian mit lauten “Aber ich weeeeiiiiiß ja nicht”-Zweifeln bedacht. “Aber ich weiß ja nicht, es gibt das nur mit englischer Tastatur (aber man kann sie intern umstellen), aber ich weiß ja nicht, es kostet GELD, aber ich weiß ja nicht, nachher liegt es doch nur rum.” Jedenfalls wurde es mir dann mit den Worten geschenkt “Ich habe, seit ich es gekauft hab, jeden zweiten Tag irgendwelche E-Mails dazu bekommen, ich glaube, es ist ein Kult.” (Man kann die Mails natürlich abbestellen. Aber erst mal braucht man sie, um zum Beispiel auf deutsche Tastatur umzustellen und das Gadget, Freewrite Alpha nennt es sich, mit einer Cloud seiner*ihrer Wahl zu verbinden.) Das soll hier aber gar keine Werbeeinblendung für einen Kult und/oder ein teures Gadget sein (dafür besitze ich es auch noch nicht lange genug, vielleicht fällt es morgen auseinander und war dann, wie so viele Kulte, ein Reinfall). Ich habe mich im letzten Jahr mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass ich derzeit nicht hauptberuflich schreiben kann, nicht, wenn der Buchmarkt so ist, wie er ist (siehe Lenas Fluff im letzten Vreundschaftsbrief). Ich kann hauptberuflich übersetzen, und das kann ich dann all year round und darüber mein Schreiben total hinten anstellen, wie ich es 2025 gemacht habe. Aber ich will in diesem Jahr wieder schreiben, die Ideen, die sich im Herbst geregt haben, sind zu Romanhandlungen (und zwei Kurzgeschichten, siehe oben ;) ) angewachsen, und ich habe mir jetzt ein Jahr Zeit genommen, um drüber nachzudenken, wie ich das Schreiben nicht verliere. Mein erstes, vorsichtiges Fazit ist: Ich nehme mir einen Tag die Woche nur fürs Romanprojekt. Ja, uuuh, tolle Erkenntnis, Judith, das machen andere Autor*innen mit Nicht-Schreib-Brotjob auch und du hast es jahrelang auch so gemacht. Ja, warte - aber ich habe jetzt jahrelang eigene Schreibprojekte und Übersetzungen abgewechselt und konnte mich immer auf ein “Großprojekt” fokussieren (parallel zu kleineren Projekten, die halt regelmäßig mitlaufen - Podcast, Queer*Welten, Sachtexte, Veranstaltungen …). Und die Entscheidung, dass das Schreiben aus schnöden Geldgründen einen veränderten Platz in meinem Alltag braucht, war keine leichte, aber ich fühle mich okay damit, wie sie jetzt ausfällt. Aber die hätte ich natürlich auch ohne Gadget und Kultmitgliedschaft treffen können, sagt ihr? Ja, klar, aber hey, es hilft! Auch an Nicht-Schreibtagen schnappe ich mir mindestens einmal das Gadget: Es speichert mehrere Textdateien, zwischen denen man wechseln kann, und ich habe eine Datei angelegt, in die ich einen random Gedanken am Tag schreibe. Wenn es dann aber einmal an ist, habe ich bisher noch jeden Tag nach dem random Gedanken die Datei gewechselt und zumindest zwei, drei, fünf Sätze am Buch weitergeschrieben, einfach, weil warum nicht?
Mein Schreiben braucht, dass ich es wieder mehr zum Hobby mache. Oder anders ausgedrückt: zur Leidenschaft. 😌
Vavoriten
Christian empfiehlt:
Sollte tatsächlich jemand da draußen noch nicht davon gehört haben, obwohl es gefühlt 90 % meines Bekanntenkreises spielt: Dispatch ist ein Spiel für PC und Konsole und stammt vom Team hinter “The Wolf Among Us”. Hier schlüpft man in die Rolle von Mecha-Man, was mich nicht sofort an den Rechner gelockt hat, aber es ist innovativer und interessanter als yet another Superhero-Story: Da der eigene Mecha-Anzug zerstört wurde, übernimmt man den Job eines Dispatchers und entsendet andere Superheld*innen in Einsätze. Dabei muss man ihre Stärken ausspielen, ihre Schwächen ausgleichen, ihre Befindlichkeiten navigieren und ab und zu auch selbst den Job eines Hackers übernehmen: “Typ im Stuhl” trifft Worker-Placement trifft Work-Place-Drama. Natürlich muss man auch nicht mit irgendwelchen Superheld*innen klarkommen, sondern man wurde dem Phönix-Programm zugewiesen, einem Team aus Ex-Superschurk*innen auf Bewährung.
Das Spielprinzip ist zweigeteilt: der Einsatz-Teil wechselt sich mit einer Reihe von Entscheidungen in Gesprächen ab, die den Verlauf der Geschichte bestimmen. Die Charaktere sind toll geschrieben, es geht um Freundschaft, Konkurrenz und Romanzen, und das Spiel hat mit acht Episoden eine sehr gute (kurze) Länge.
Lena empfiehlt:
Die anderen beiden Beteiligten dieses Newsletters müssen jetzt mal wieder durch die Tatsache durch, dass ich ihr Buch lobe, hah, denn: Ich habe über die Weihnachtsfeiertage The Icebound Kingdom gelesen und es hat mir sehr gefallen. Im Podcast hatten wir ja ausführlich über den Romance-Anteil des Romantasy-Romans gesprochen, aber wie es bei den Vögten, nee Entschuldigung, den Reeves, nicht anders zu erwarten war, bringt das Buch auch einen super spannenden Weltenbau mit. Die elementaren Kräfte, über die man inzwischen nicht mehr so viel weiß, weil sie durch eine andere Religion abgelöst wurden; das in der Vergangenheit versunkene Reich, dessen Relikte noch überall zu finden sind; die Feindschaft zwischen den Elementarkindern - das hat mir alles sehr gefallen und ich könnte mir durchaus noch mehr Bücher in dem Setting vorstellen. Auch das Thema sexuelle Selbstbestimmung und Kampf gegen patriarchal-religiöse Erwartungen war sehr cool umgesetzt, dazu kommt dann noch eine im Verlauf der Geschichte angedeutete Klimawandel-Metapher, die mir auch sehr gut gefallen hat. Am Ende des Romans hatte ich - wie eigentlich bei jedem Vögte-Roman - Tränen in den Augen. Verantwortlich dafür ist auch der wunderbare Schreibstil, den ich wieder sehr genossen habe.
Ebenfalls über den Jahreswechsel gelesen habe ich Daniela Dröschers Roman Lügen über meine Mutter. Der ist erneut eine sehr autobiographische Geschichte (immer diese E-Literatur und ihre erwartbaren Tropes ;) ), dabei aber sehr lesenswert: Erzählt wird aus der Perspektive der zu Beginn sechsjährigen Ela, die Ende der 1970er-Jahre in einer scheinbaren dörflichen Idylle aufwächst, die nach und nach die ganze Grausamkeit des Patriarchats offenbart. Die titelgebende Mutter wird permanent von ihrem Mann gedemütigt und beschimpft, während sie arbeitet, den Haushalt schmeißt und sich noch mit den im selben Haus lebenden Schwiegereltern abplagt, die sie ebenfalls schlecht behandeln. Der Vater von Ela hingegen kommt beruflich nicht richtig voran, träumt von einem luxuriösen Lebensstil und lässt seinen Frust an seiner Frau aus - und zwar allein bezogen auf deren Gewicht. Ständig verlangt er von ihr, dass sie Diäten macht, Sport treibt und “vorzeigbar” wird. Und die Mutter macht alles mit, was das Patriarchat von ihr verlangt: Sie kümmert sich um ihre Kinder und den gesamten Haushalt, nimmt ihre demente Mutter bei sich auf, macht eine Diät nach der anderen und gibt ihre Karriere auf. Unterbrochen werden die aus kindlicher Perspektive erzählten Kapitel immer wieder durch Einschübe aus Sicht der erwachsenen Ela, die die Geschehnisse einordnet, was sehr wohltuend ist, weil man eigentlich allen Beteiligten die ganze Zeit zurufen möchte, dass sie doch bitte endlich aus diesem Leben ausbrechen sollen, das nur auf Druck, Selbstverleugnung, überzogenen Erwartungen und patriarchalen Vorstellungen beruht. Durch die gelungene Kinderperspektive und den Blick in die zeitlich gar nicht sooo weit entfernte Vergangenheit, in der es normal war, dass Väter ihren Kindern nicht mal ein Ei braten können und Mütter Glück, Gesundheit und jede Selbstbestimmung für die Familie opfern, ist der Roman aber auf jeden Fall lesenswert, zumal die Autorin die Mutter sehr vielschichtig und liebevoll schildert. (Wer nicht gut mit dem Thema Diäten und Gewicht umkann, sollte um das Buch aber einen Bogen machen, das Fat- und Bodyshaming ist wirklich sehr zentral.)
Judith empfiehlt:
Ich habe zu Weihnachten Eine kurze Geschichte queerer Frauen von Kirsty Loehr verschenkt und vorher heimlich gelesen. Es ist genau, was es sagt: ein kurzer, manchmal zu kurzer, aber super unterhaltsamer Schnelldurchlauf durch die Leben berühmter queerer Frauen - sehr witzig und bissig geschrieben. Schön fand ich auch, dass genderqueere und trans Identitäten auf achtsame Weise (da sie ja nicht unbedingt den modernen Definitionen dieser Identitäten entsprachen und oft Unsicherheit herrscht bezüglich der Frage, wie sie sich selbst sahen) ihren Platz in dieser Sammlung finden. Eigentlich möchte man danach zu allen Erwähnten einen Film sehen oder ein ausführlicheres Buch lesen.
Christian hat mir Durchlöchert den Status quo! von Michael Hirsch und Kilian Jörg von der Buchmesse mitgebracht, weil er fand, da steht mein Name drauf, und lustigerweise hatte ich schon eine Folge vom Dissens-Podcast gehört, in der beide zu Gast waren, was mir aber erst beim Lesen auffiel. Denn es geht um die ZADs in Frankreich, die Zones à défendre: Zonen, die durch Besetzung gegen Großbauprojekte und ökologischen Raubbau verteidigt werden. Die beiden Autoren schildern die Aktionsform der ZADs, denen es teils gelingt, radikal linke Besatzer*innen und traditionell konservative Landwirt*innen zu einem gemeinsamen Kampf zu bewegen. Vor allem zeichnen sie sich durch ihre bemerkenswerte Langlebigkeit aus - so entstehen innerhalb des Status quos kleine Inseln, in denen ohne ein Patentrezept, sondern immer auf den Ort und die Leute angepasst Experimente des Zusammenlebens (mit Menschen, aber auch mit Natur) entstehen. Die Autoren jonglieren mit eher realitätsfernen Gedanken dazu, wie eine staatliche Förderung solcher Experimente möglich wäre (I wish!), eröffnen aber auch einen interessanten Blick darauf, dass mehr radikale Diversität des Zusammenlebens entstehen muss, um den kommenden Krisen zu begegnen.
INITIATIVE BITTE!
Mit dem Böllerverbot ist es wie mit dem Tempolimit: Bei den meisten Leuten würde es auf Zustimmung stoßen, aber irgendwie gilt die damit verbundene Rücksichtslosigkeit als Freiheit und Tradition, und somit dürfen wenige auf die Kosten vieler ballern und rasen, wie sie wollen. In den Niederlanden wurde zum letzten Mal privat geböllert - ab diesem Jahr herrscht dort Böllerverbot. (In Aachen freut man sich schon auf die niederländischen Silvestergäste Ende des Jahres. 😬😬😬 Zwar ist der historische Stadtkern böllerfreie Zone, aber daran hält sich jetzt schon niemand …) Es ist nicht zu erwarten, dass es irgendetwas bringt, aber falls ihr die bislang erfolgreichste Petition Deutschlands - die der Polizeigewerkschaft Berlin zum Böllerverbot - noch nicht unterschrieben habt, könnt ihr das hier nachholen.
Danke fürs Abonnieren und Lesen!
Christian, Lena und Judith