Vreundschaftsbrief

Archives
April 10, 2026

April-Ausgabe 2026

Herzlich willkommen zur April-Ausgabe des Vreundschaftsbriefs! 

CRUNCH

Wir freuen uns, dass wir nun alle neben diesem Newsletter und dem Patreon noch etwas gemeinsam haben: Den Inklingspreis! Denn gerade wurde verkündet, dass Lena mit ihrer Lesung “Drei Geister” den Inklingspreis 2026 in der Kreativklasse gewonnen hat, die dieses Jahr audiovisuelle Beiträge prämierte. 

Eine Grafik, auf der Lena mit "Drei Geister" als Gewinnerin der Kreativklasse des Inklings-Preises 2026 verkündet wird.
And the winner is …

Die neue Folge vom Genderswapped Podcast steht diesen Monat unter dem Titel Schluss damit - wir reden über Dinge im Buchmarkt, im Rollenspiel und im Real Life, mit denen jetzt einfach mal Schluss sein muss.

Im Audio-Extra, das noch erscheint, widmen wir uns hingegen Sachen, mit denen es endlich mal losgehen muss.

Auf Patreon gibt es im April eine Art lyrischen Werkstattbericht: Minnelieder und die schottische Ballade “Tam Lin” und wie wir sie in “Die reinen Herzens sind” aufgegriffen haben (dem Ritterinnen-Roman, den wir Vögte gerade fertiggeschrieben haben).

Termine:

12.04.26, 18 Uhr - Unerhörte Benefiz-Lesung in der Absinthbar Grotesque in Aachen: Susann Loevenich und die Vögte lesen bisher Ungehörtes – noch nie vorgelesene Kurzgeschichten, brandneue Romananfänge und vielleicht sogar Lyrik als Zugabe. Der Eintritt (10 €) geht als Spende an die Absinth-Bar Grotesque. Um Reservierung per Telefon (0241-474586835) oder Mail (info@grotesque-ac.de) wird gebeten, Eintritt bitte bar am Einlass zahlen!

25.4.26, 19 Uhr - AnArChiEN: You can’t spell Anarchien ohne AACHEN - Judith und Susann lesen noch mal zusammen, und zwar im Rahmen der Lesereihe AnArCHiEN von Sanjina Karma und Mirjam Kay Mashkour im Literaturcafé Vers in Aachen. Der Eintritt ist frei.

FLUFF

Unpaid, Unseen, Unthanked (von Lena)

Während ihr diesen Flufftext lest, könnt ihr euch als musikalische Untermalung das neue Lied von Paris Paloma anmachen, das die Überschrift inspiriert hat - Miyazaki (benannt nach dem Studio-Ghibli-Künstler, der sich gegen genKI ausgesprochen hat) ist eine wunderbare Hymne für die Kunst und gegen seelenlosen KI-Schlonz. Es gibt das offizielle Musikvideo (mit Ritterrüstung!) und das Fandom-Lyric-Video voller großartiger, menschengemachter Artworks - große Guckempfehlung.

Der ganze Text des Liedes ist toll, aber besonders im Kopf geblieben sind mir diese zwei Zeilen:

I’d do it unpaid, unseen, unthanked

It's worth more than anything that I have. 

Über all diese Aspekte - unpaid, unseen, unthanked - könnten wir als progressiver, queerer, feministischer Teil der deutschsprachigen Phantastik einiges erzählen, denke ich, aber der Punkt ist eben, wir machen es trotzdem. Weil Kunst nicht entsteht, wenn man sich hinsetzt und überlegt, wie man am schnellsten Geld machen und berühmt werden kann. Weil wir uns durchaus über das Ergebnis freuen, aber der Prozess genauso wichtig ist - die erste Idee, das aufgeregte Teilen mit anderen, das Schreiben, das Hadern, das Aufraffenmüssen, die Freude über gelungene Sätze, das Nachdenken im Halbschlaf, das Gefühl, von der eigenen Geschichte begleitet zu werden. Die Erleichterung, wenn bei der Lesung an der richtigen Stelle gelacht wird. Das Hochgefühl, wenn Lesende genau verstehen, was man gemeint hat, auch wenn der Text es nicht ausbuchstabiert. Die Freude, wenn nach einem Lektorat zurückgemeldet wird, es hätte den Text verstanden und besser gemacht. Das Glück, wenn andere ihre Texte dem eigenen Projekt anvertrauen. All diese Dinge eben, von denen GenKI-Bros uns erzählen, die könnten wir jetzt durch eine Maschine erledigen lassen, weil sie nicht verstehen, was Kunst ausmacht.

Dagegen steht das, was der Buchmarkt verlangt und was auf ihm passiert. Vermehrt berichten Autor*innen von Burn Out, weil sie drei Bücher im Jahr “liefern” sollen. Geschichten leiden unter der Hast, in der sie veröffentlicht werden, weil, so hat man manchmal das Gefühl, nicht mehr Wert auf eine sorgfältige Überarbeitung gelegt wird. Dubiose Verlage werden gegründet, weil - unter offenbar völlig hanebüchenen Vorstellungen, was man in Deutschland mit deutschsprachiger Phantastik verdienen kann - irgendwelche Typen das schnelle Geld wittern, weil man doch jetzt alles mit KI machen kann (besonders absurde Blüte: Ein Verlag, der mit einem Anti-KI-Label warb, dann zugab, die Einsendungen mit … wait for it … KI zu prüfen, gegründet von zwei Leuten, deren Profile voller KI-Slop-Bilder waren, und der sein Insta-Profil dann lieber schnell wieder löschte). Auf Instagram gehen gerade viele Tipps herum, wie man seriöse Verlage erkennt. Und auch ich bin manchmal erstaunt, dass Leute so gar nicht prüfen, wem sie ihre Texte da eigentlich anvertrauen; aber gut, das mag die jahrelange queerfeminstische Praxis sein, immer erstmal zu checken, ob eine Orga, ein Projekt, ein Verlag, eine Person sich safe anfühlt und den eigenen Werten nicht komplett zuwiderläuft. 

Und um beides zusammenzubringen: Ich verstehe es ja. Ich verstehe, dass der Wunsch, die eigenen Geschichte gedruckt zu sehen und möglichst vielen Lesenden zugänglich zu machen, so stark ist, dass manche Bedenken da einfach über Bord fliegen. Und es tut mir leid für alle, die da böse Überraschungen erleben. Ich kann aber nur immer wieder an alle Schreibenden appellieren: Gebt auf euch und eure Werke acht. Handelt in dem Bewusstsein, dass eure Texte das sind, was am Anfang steht, ohne die es kein Buch, kein Magazin, keine Anthologie gibt. Wir leben leider in einer Welt, in der Kunst viel zu wenig geschätzt wird, und die allerallermeisten von euch, das bestätigen ja die Erhebungen zum Einkommen von Autor*innen, werden nie vom Schreiben leben können. Das ist scheiße, aber es bietet auch ein befreiendes Potenzial. Es spricht nichts dagegen, auch mal ein Projekt zu machen, das an die Anforderungen des Marktes angepasst ist, klar. Aber außerhalb davon: Macht die Kunst, die ihr machen wollt, verbündet euch mit anderen, sucht euren Weg, eure Geschichte zu erzählen. Schreibt das, was ihr auch schreiben würdet, wenn es kein großer Erfolg würde. Schreibt, was euch am Herzen liegt. Seid seltsam, seid widerständig, seid ungewöhnlich, seid einzigartig in einer Welt, die Kunst dem Kapitalismus und der langweiligen Durchschnittlichkeit von genKI unterwerfen will. Macht Sachen, die euch glücklich machen, die euch ausmachen, die euch begeistern. Das ist, was Kunst angeht, mehr wert als alles andere.

Vavoriten

Christian empfiehlt: 

How to Get to Heaven from Belfast ist eine Thriller-Serie auf Netflix. Aber Christian, du guckst doch gar keine Thriller” (oder “Triller”, wie meine Eltern sagen würden). Stimmt, tue ich auch eigentlich nicht. “Aber der hier stammt von der Macherin von “Derry Girls” und das reicht mir schon für die Ausnahme. Und wir wurden nicht enttäuscht. Die Thriller-Handlung ist spannend, witzig und ähnlich skurril wie “Derry Girls”, der Grund, es zu gucken, sind aber vor allem die vier Protagonistinnen - endlich mal eine Gruppe mittelalter Frauen im Fokus - und ihre Marotten, ihre Gegenspielerinnen, sowie die heimlichen Protagonisten Irland und Portugal.

Sowohl der Roman Der Astronaut von Andy Weir (trotz des selten langweiligen Titels der deutschen Übersetzung) als auch die gerade erschienene zugehörige Verfilmung Project Hail Mary sind Hard-SF-Geschichten mit allerhand Physik- und Astrobiologie-Content und einem sehr runden Weltenbau, sie verbinden das aber mit schön geschriebenen und (im Falle des Films) sehr gut gespielten (zwei menschlichen und einem außerirdischen) Protagonist*innen und erzählen eine tief emotionale Geschichte mit unüblicher Perspektive auf Heldentum und Freundschaft mit einer untoxischen Darstellung von Männlichkeit. Es stimmt nur ein wenig traurig, dass sich die Menschheit in der Realität nicht annähernd so gut im Angesicht existenzieller Bedrohungen zusammenreißen kann wie im Film. Drei von drei “Amaze”!

Judith empfiehlt: 

Ich lese in diesem Jahr wieder mehr deutschsprachige Autor*innen, habe ich beschlossen, und deshalb empfehle ich jetzt auch direkt die geballte Ladung! 

Endlich habe ich Knochenasche rottet nicht von Eleanor Bardilac gelesen. Der erste Teil war eine Weile her, aber der abschließende Band der Dilogie macht es einer*m relativ leicht, wieder einzufinden. Es gibt eine coole, teils utopische Fantasy-Stadt zu bewundern, die so ganz anders ist als Vhindona aus Band 1 - das Setting lud sehr zum Weiterdenken ein. Doch das Herzstück des Romans ist der Prozess des Abschiednehmens und Sterbens eines uralten Wesens, dessen Leben und Beziehungen zu anderen behutsam aus vielen Winkeln beleuchtet wird. Gleichermaßen behutsam fand ich mich selbst aufgefordert, über Tod und Trauer nachzudenken, über die Abschiede, die ich in den letzten paar Jahren miterleben musste und was sie mit mir gemacht haben. Das war nicht leicht, aber das Buch hat es auch nicht qualvoll gemacht, sondern einfach dazu eingeladen, und das ist eine hohe Kunst. 

Von Marie Meier habe ich Seelengrube - Der letzte Schlüssel 1 gelesen, ihr Debüt und Auftakt zu einer mehrteiligen Reihe, die Space Opera, Cyberpunk und Magie-Worldbuilding verbindet. Das hört sich groß an und ist es auch, was mich daran aber besonders überzeugt hat, ist das “Kleine”: Das Umfeld der Protagonistin Jule, die aus einer unerwarteten Gefangenschaft in ihren Freundeskreis und notgedrungen zu ihrer Mutter zurückkehrt und von der “höhere Mächte” wollen, dass sie eine Magieprüfung besteht, zu der sie sich nicht bereitfühlt. Ich mochte, wie alltäglich und real sich diese Figuren anfühlten, und ich bin ein Fan ihrer Mutter!

Erst zur Hälfte durch bin ich mit Iva Moors Liminal Creatures, aber es passte einfach zu gut, diese drei Bücher alle in einem Newsletter zu empfehlen! In diesem Urban-Fantasy-Schmöker gelingt es Musiker Evan überraschend aufgetauchte Hymnen zu allen fünf Psychai zu spielen: zu Grazien, Amoren, Incubi/Succubi, Furien und Musen. Diese fünf übernatürlichen Wesensfamilien haben ihre ganz eigene Soap Opera am Laufen und müssen nun wetteifern, um Evan für sich zu gewinnen. Ich weiß, wie gesagt, noch nicht, wie es ausgeht, aber das Hin und Her unter Menschen und Psychai unterhält mich enorm (und auch, wie künstlerische Freiberuflichkeit samt Patreon-artiger Plattformen geschildert ist, also, ich fühle mich gesehen). 

Lena empfiehlt:

Dann schließe ich mich bei den deutschen Autor*innen doch gleich mal an:

Ich habe den Roman 2033 von Bijan Moini gelesen, ein in einer dystopischen nahen Zukunft (nämlich logischerweise 2033) angesiedelten Gerichtsthriller. Ein Genre, um das ich normalerweise einen Bogen mache, weil alles, was mit Jura und Gerichtsverfahren zu tun hat, ja gerne in Romanen so falsch dargestellt ist, dass es mich total aus der Geschichte haut -  aber da Moini nicht nur Autor, sondern auch Jurist ist (u. a. aktiv in der Gesellschaft für Freiheitsrechte), war das hier nicht zu befürchten. Zugegeben, die Prämisse klang für mich etwas reißerisch: 2033, eine rechtsextreme Partei namens AUFSTAND (I see what you did there) regiert mit absoluter Mehrheit, Opposition gibt es nur noch von der verbliebenen REFORM-Partei. Der Wahlsieg des AUFSTAND kam zustande, weil kurz vor der Wahl eine Bombe in der Parteizentrale explodierte, wegen dieses Anschlags ist nun eine hochrangige REFORM-Politikerin angeklagt, diesen beauftragt zu haben. Auftritt Marie Wigand, die als Strafverteidigerin überraschend in das Verfahren kommt und gemeinsam mit ihrer Chefin die Politikerin verteidigt, während ihr eigener Bruder, zu dem sie eigentlich ein enges Verhältnis hat, Anhänger des AUFSTAND ist und sich immer mehr von ihr entfremdet. 

Es wurde mir beim Lesen schnell klar, dass man ausgiebige Charakterstudien und ruhige Momente in der Geschichte eher nicht finden wird - die Figuren sind vor allem dazu da, den Plot voranzubringen. Gleichzeitig ist die Auswahl der Figuren aber für mich überraschend berührend gewesen: Marie als Hauptfigur ist chronisch krank, ihre Chefin hat die deutsche wie die iranische Staatsbürgerschaft, den beiden Anwältinnen steht ein männlicher Angestellter als IT-ler und Sekretär zur Seite (eine schöne Umkehr der üblichen Anwalt mit “Vorzimmerdame”-Klischees). Man hätte die Geschichte auch mit zwei männlichen Anwälten in den Hauptrollen erzählen können, aber dass Moini sich entschieden hat, das nicht zu tun, hat mir sehr gefallen. Ansonsten ist der Roman ein absoluter Page-Turner, der mich abends teilweise viel länger wachgehalten hat, als ich vorhatte. Die Handlung um den Gerichtsprozess und das Drumherum entfaltet sich rasant, aber dabei eben stets mit den Mitteln und Wegen, die wirklich im deutschen Justizsystem zur Verfügung stehen. Nebenher wird immer mal erwähnt, welche rasanten Verschlechterungen es seit dem Regierungswechsel schon gegeben hat, z. B. für Geflüchtete. Das macht das Buch besonders eindrucksvoll, denn es wird aufgezeigt, wie schnell und auf welche Weise Demokratie und Rechtsstaat ausgehöhlt werden können. Dabei sind auch nicht alle, die es schlimmer machen, als abgrundtief böse gezeichnet, viele handeln aus Angst oder Geldgier, lassen sich bestechen, aufwiegeln oder manipulieren. Genauso gibt es immer wieder kleine Momente, in denen Nebenfiguren im richtigen Moment doch etwas gegen die rechtsextreme Regierung tun, und sei es nur, um jemandem zu helfen, den sie persönlich kennen und mögen. Insgesamt ein Buch, das ich zwar sehr schnell durchgelesen habe, weil es so spannend war, das mir aber bestimmt noch eine Weile im Kopf bleiben wird.

INITIATIVE BITTE!

Im Blog von Timo Kümmel - der ohnehin dort und auf Insta, Bluesky und Mastodon sehr lesenswert über die Gefahren von KI in der Kunst und vieles mehr schreibt, also folgt dem mal! - gab es den Hinweis auf eine Bundestagspetition, die leider zu scheitern droht, weil keine 3000 Leute unterschrieben haben bisher, was gut illustriert, wie völlig egal die Existenz von Künstler*innen in Deutschland vielen ist … aber ich schweife ab: Es geht dabei um die Aktivrente, die kürzlich beschlossen wurde und Personen in Rente ermöglicht, steuerfrei etwas dazuzuverdienen. Das gilt aber nur für ehemalige Angestellte, die in die Deutsche Rentenversicherung eingezahlt haben. Ebenfalls in die Deutsche Rentenversicherung zahlen alle Kunstschaffenden ein, die über die Künstlersozialkasse versichert sind. Die meisten von ihnen haben nicht viel Rente zu erwarten, weil eben sehr viele freiberufliche Künstler*innen leider nicht gut verdienen. Aber genau diese Gruppe ist von der Aktivrente ausgeschlossen, müsste also jeden Zuverdienst im Rentenalter voll versteuern - eine nicht verständliche Schlechterstellung gegenüber den verrenteten Angestellten. 

Hier könnt ihr unterschreiben, um zu fordern, dass auch Künstler*innen in der KSK von der Aktivrente profitieren können: 

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_02/_23/Petition_195545.nc.html

Teilt gerne die Petition noch mal überall, sie läuft noch bis 15.04.2026.

Danke fürs Abonnieren und Lesen! 

Christian, Judith und Lena

Don't miss what's next. Subscribe to Vreundschaftsbrief:
Powered by Buttondown, the easiest way to start and grow your newsletter.